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10.07.2020: Realitätsverweiger

Realitätsverweigerer

Wir leben in komischen Zeiten. Wir geben Milliarden für Universitäten, Wissenschaft und Forschung aus. Dank dieser haben wir Handy, Internet, Impfstoffe, Flugzeuge, Antibiotika und Kläranlagen. Keine Woche vergeht, ohne neue Erkenntnisse. Der technische Fortschritt hat unsere Lebenserwartung in nur 100 Jahren verdoppelt. Genug Grund also sich zu freuen – würde man meinen. Das grosse ABER aber folgt sogleich.

Wie mit allem was da ist, so ist es auch mit oben beschriebenen Errungenschaften – sie sind selbstverständlich. Erst wenn etwas fehlt, erkennen wir ihren Wert. Insofern ist die Corona-Pandemie eine gute Lehrmeisterin – oder sollte und könnte es sein. Denn was wir zur Zeit erleben ist nicht die Hochblüte der Erkenntnis und der Besinnung, sondern eher das Gegenteil. Wohin man schaut, dominiert eine schon fast schizophrene Realitätsverweigerung. Damit meine ich nicht nur den krankhaften Lügner im Oval Office, der sich seine eigene Welt schafft und in seinem Wahn ein ganzes Land in den Abgrund reisst – ich meine auch nicht die kruden Verschwörungstheoretiker, die die mir ziemlich auf den „Sack“ gehen. Wilde Geschichten und Sündenböcke gab es schon im Mittelalter – da waren es je nach Geschmacksrichtung die Juden oder Hexen. Sind wir 2020 wirklich noch nicht weiter ? Hat die Aufklärung so krass versagt? Finanzieren wir dafür Schulen und Universitäten? Antworten habe ich keine – ins Grübeln bringt es mich aber auf jeden Fall. Was mich aber noch weit mehr irritiert, ist der naive Glaube, wir könnten diesen Albtraum wegzaubern, als wäre nichts geschehen.

Ich verstehe natürliche die behagliche Beharrlichkeit, am alten Bekannten festhalten zu wollen. Die Bequemlichkeit, die mit dem Gewohnten verbunden ist ein starkes Argument. In dieser Hinsicht, leben wir aber in miesen Zeiten. Kaum je in der Geschichte hat sich so vieles auf einmal, so schnell verändert wie in den letzten Jahrzehnten und es ist zu befürchten, dass es nicht langsamer wird. Die Pandemie wirkt dabei noch als Brandbeschleuniger. Das zeigt sich tagtäglich – auch im beschaulichen Dorfleben am Rande der Schweiz. Wie immer unangekündigt, ungewollt und verwirrend.

Ich habe mich in den letzten Wochen mehrfach zur Digitalisierung des Alltags geäussert, die ungefragt über Viele „hereinbricht“ und viele ratlos zurück lässt. An der Migros-Kasse, im Hoflädeli, am Parkautomaten – überall wird man aufgefordert, bargeldlos zu zahlen – aber was ist Twint? Sogar die Abschaffung des Bargeldes wird prognostiziert. Namhafte Ökonomen meinen schon 2030… Die viel gerühmte Marktwirtschaft hat dafür allerdings keine Volksabstimmung vorgesehen – „technische Revolutionen“ fanden oder finden in der Regel ohne die Stimmbürger statt. Die Abstimmung findet später, über das Portemonaie, statt. Nix also mit Behaglichkeit und weiter so – es heisst sich anpassen oder „untergehen“.

Und dann wäre da noch die Sache mit der eMobility – sprich Elektroautos. Da meine alte Karre letzte Woche den Geist aufgab, erkundigte ich mich beim Garagisten wegen eines Elektroautos. Nicht nur des Klima wegens (das aber hauptsächlich), sondern weil Benzin garantiert immer teurer werden wird (CO2-Abgabe) und es bereits zahlreiche Länder gibt, die schon bald weder Diesel noch Benziner zulassen werden (Norwegen z.B. schon 2025). Es ist also eine Frage der Zeit, bis es auch hier soweit sein wird, schliesslich hat die Schweiz das Pariser-Abkommen ebenfalls unterzeichnet. Doch weit gefehlt. „Bevor ich ein e-Auto verkaufe, schliesse ich die Garage“ bekam ich zur Antwort. e-Autos sind unser Tod (der Garagisten), eigentlich müssten wir alle auf die Barikaden gehen….. Ich war daraufhin einigermassen sprachlos, verstand dafür, warum ich kaum je Inserate für solche Fahrzeuge im lokalen Gratisanzeiger finde – umso mehr dafür, für übermotorisierte Boliden aus München und Stuttgart. Auch hier also behagliche Beharrlichkeit. Dazu fällt mir nur ein Zitat des letzten Deutschen Kaisers ein, der irgendwann um 1900 gesagt haben soll: „Das Auto ist eine vorübergehende Erscheinung. Ich glaube an das Pferd.“ Heute lebt Deutschland von der Autoindustrie.

Wir alle wissen: Leben heisst Veränderung – sind dann aber einigermassen überrascht, wenn es uns selber trifft. Auch wenn vieles voraussehbar ist, so trifft es uns meist ungefragt. Unsere Reaktionen sind dementsprechend. Je nach „Typ“ sind wir irritiert, verängstigt, ratos oder wütend. Gerade in turbulenten Zeiten, wo alles zusammenzubrechen scheint, wo Gewohntes verschwindet und sich das Neue fremd anfühlt, ist Realitätsverweigerung ebenso weit verbreitet. Ja, ich würde sogar behaupten, das gängige Verhaltensmuster der Mehrheit. Der Strauss ist bekannt dafür, dass er bei Gefahr den Kopf in den Sand steckt (ich vermute mal es ist ein Märchen – aber egal), wird den Angriff der Hyänen aber trotzdem nicht überleben. Wie schnell diese von der Realität eingeholt werden, zeigt einmal mehr Covid-19. Wer das Virus leugnet oder negiert wird von diesem schneller eingeholt, als er/sie bis drei zählen kann. Das muss gerade Bolsonaro lernen, aber auch all jene, die meinen sie könnten dem Käfer in den Zürcher Clubs ein Schnippchen schlagen. Realitätsverweigerung hat einen hohen Preis.

02.07.2020: Rund um den Irchel

Blick vom Irchelturm

Heute verklemme ich mir für einmal Tagesaktualitäten, auch wenn es davon mehr als genug gäbe. Über Maskenphobiker, Superspreader, Clubbesucher und 2. Welle wird aber zur Zeit so viel geschrieben, dass ich für einmal besser schweige. Mein Sarkasmus änderte auch nichts daran.

Letzten Sonntag hatten wir meine betagten Eltern zu Besuch und viel Zeit und Musse über ihr Leben und unsere Familiengeschichte zu plaudern. Etwas, was bisher eher zu kurz kam. Warum sich unsere Elterngeneration eher bedeckt hält, was ihre Vergangenheit betrifft, ist mir – vor allem hier in der Schweiz, ohne Nazigräuel und Bombennächte – schleierhaft. Umso neugieriger bin ich, wenn sich der Schleier über der Vergangenheit etwas lüftet. Wir sind schliesslich Teil davon und diese prägt uns mehr, als uns wahrscheinlich bewusst ist. Hier also ein paar Erinnerungen „Rund um den Irchel“ – von dort, wo unsere Familie herkommt.

Der Irchel – ein bewaldeter Höhenzug zwischen Winterthur und Rhein, die südliche Grenze des Zürcher Weinlands, zwischen Töss- und Thurmündung, ist quasi die Pampa des Kantons Zürich. Ländlich, idyllisch, ruhig und auch heute noch zu 90% landwirtschaftlich geprägt. Sozusagen der Gegenentwurf zu Zürich. Rund um diesen weithin sichtbaren Höhenzug, hat meine Familie ihre Wurzeln. Selbstredend, dass alle mit der Landwirtschaft verbunden sind oder waren. Von ihnen – von den Urgrosseltern bis heute – handelt dieser Blog. Es ist nicht nur ein Blick in eine Familie, es ist vor allem einer in die Geschichte. Der Geschichte des 20igsten Jahrhunderts.

Neu und überraschend für mich war, dass zwei meiner Ur-Grossonkel (Brüder meiner Urgrossmutter mütterlicherseits) in den 90iger Jahren des 19. Jahrhunderts nach Amerika ausgewandert sind – so wie 300‘000 andere Schweizer zwischen 1870 und 1914. Mitten in der industriellen Revolution, gab es einfach kein Auskommen mehr für die wachsende Bevölkerung. So schrumpfte z. B. in Buchberg – dem Heimatort meiner Vorfahren – die Bevölkerung zwischen 1850 und 1920 um mehr als die Hälfte. Die Armut war ein ständiger Gast – und so blieb als Ausweg oft nur noch das Schiff über den Atlantik. Leider ging der Kontakt zu den beiden Auswanderern schon mit dem Tod meiner Urgrossmutter, 1947 verloren – und seitdem warten wir vergeblich auf den reichen Onkel aus Amerika. Vielleicht hilft uns aber dieses Wissen zu verstehen, warum heute Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken. Armut und die Hoffnung auf ein besseres Leben, ist und war zu allen Zeiten ein Grund das Weite zu suchen.

Die Urgrosseltern vaterseits hatten nicht weniger als 11 Kinder. Mit den wenigen Reben und den kleinen Äckern und Wiesen kannten auch sie „Reichtum“ nur vom Hörensagen. So blieben meinem Grossvater nur noch zwei kleine Rebberge und ein paar Äcker. Seine Familie mit drei Kindern, ernärte er als Störmetzger in den umliegenden Gemeinden. Immerhin garantierte dass der ganzen Familie, auch in Krisenzeiten, viel Fleisch auf dem Teller. Mit Jahrgang 1891 trafen ihn die Wirren das 20igste Jahrhundert mit voller Wucht. Kaum aus der Rekrutenschule brach 1914 der 1. Weltkrieg aus und er musste für 4 Jahre an die Grenze. 1918 wurde er sogar nach Zürich, zur Niederschlagung des landesweiten Generalstreiks, beordert. Bauern gegen Arbeiter – eine Erinnerung, die ihn Zeit seines Lebens plagte. Und weil er den „falschen“ Jahrgang hatte, traf es ihn auch im 2ten Weltkrieg. Statt Familie hiess es wieder Militär – diesmal für 5 Jahre. Seinen Lebensmut verlor er aber nie. Ich erinnere mich gerne an seine Geschichten, die er uns beim Runkelrüben putzen erzählte und noch mehr an seine legendären Blutwürste. Im Dorf war er nicht umsonst als „Pfefferschaggi“ (er heiss Jakob) bekannt. Die Liebe zum Pfeffer habe ich wohl von ihm geerbt.

Zu Höherem berufen war einzig mein Urgrossvater mütterlicherseits. Er war Staaatsförster auf dem Irchel und bewohnte mit seiner Familie einen einsamen, in einer Waldlichtung gelegenen Hof am Irchelsüdhang. Müsste man sich einen Ort, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen ausdenken, man würde diesen Talhof im Junkerental (er)finden. Drei Seiten Wald und vor dem Haus eine Wiese mit grasenden Rehen. Leider meinte es das Schicksal mit dem Talhof nicht so gut. Sohn wie Enkel begingen beide, in der Blüte des Lebens, Selbstmord. Einer der Enkel landete in der Fremdenlegion und letztendlich als Alkoholiker unter der Brücke. Eine Enkelin verbrachte ihr Leben in der Psychiatrie. Verstreut in der Nordwestschweiz lebt noch rund ein Dutzend Nachkommen, von denen niemand genaueres weiss – es gibt weder Namen noch Adressen.. Eine seiner Töchter (meine Grossmutter) schaffte es auf die andere Irchelseite, wo sie unter ihrem Stand (wie sie selber meinte), einen Kleinbauern in Gräslikon heiratete. Obwohl ständig am Rande des Existenzminimus, wollte sie nie auf eine Magd verzichten. Als Staatsförsterstochter stand ihr das (angeblich) zu. Otto – ihr Mann – sparte sich das Geld vom Mund ab.

Auch ihn (mein Grossvater mütterlicherseits also) ereilte das Schicksal des 20igsten Jahrhunderts. Mit Jahrgang 1893 durfte er nach der Rekrutenschule gleich bis 1918 im Militärdienst bleiben. Da er vor meiner Geburt verstarb, beschränkt sich meine Erinnerung an ihn auf ein Foto in der Stube meiner Grossmutter. Stolz, in der Uniform der Schweizer Armee, mit Schweizerkreuz und Eichenlaub umkranzt, zur Erinnerung an die Grenzwache zwischen 1914 und 18. Im 2ten Weltkrieg stand er dann nochmals 5 Jahre an der Rheinbrücke in Rheinau und musst seinen Hof Frau, Kindern und Landverschickten überlassen. Angeblich traf ihn sein Lebensmotto: „Wer auf den Scheisshafen geboren wird, bleibt ein Leben lang darauf sitzen“ in besonderem Masse.. Zwei Weltkriege, die Spanische Grippe überlebt und kaum war der Krieg zu Ende, erkrankte er und starb noch vor dem sechzigsten Altersjahr, an Nierenversagen. Diese kollabierte unter den Bergen von R12-Schmerztabletten, die er gegen die Höllenschmerzen seiner Hüftarthrose schluckte. Heute eine Standardoperation mit künstlichem Gelenk – damals ein Schicksal mit unerträglichen Schmerzen.

Mit Ausnahme meiner Eltern fand in der nächsten Generation niemand mehr ein Auskommen in der Landwirtschaft. Dazu waren die zu erbenden Flächen zu klein und die Mechanisierung zu fortgeschritten. Die Familientradition fortgesetzt haben nur ein Onkel,, der wie mein Ur-Grossvater, Förster wurde und eben mein Vater, der den Hof in Gräslikon übernahm. Alle andern verheirateten sich in alle Winde. Aus ihnen wurden Unternehmersgattinen, Hausfrauen, Verkäuferinnen und Fabrikarbeiterinnen.

Exemplarisch für ein Frauenschicksal dieser Generation ist auch der Lebenslauf meiner Mutter. Für Mädchen war damals eine Berufslehre nicht vorgesehen – diese blieb dem männlichen Nachwuchs vorbehalten – und so musste sie schon mit 16 „dienen“, wie es damals hiess. D.h. als Dienstmädchen zu Familen Kinder hüten und im Haushalt helfen. Erst ins Appenzellerland, dann in eine Metzgerei in Zürich und zuletzt ins Pfarrhaus zu Buchberg, wo sie meinen Vater kennenlernte. Ihr Herzenswunsch – Handarbeitslehrerin – blieb ein Leben lang unerfüllt. Mein Vater war als einziger Sohn zwar für den elterlichen Hof in Buchberg vorgesehen. Dieser war jedoch für die Existenz einer Familie im Vollerwerb zu klein und so arbeitete er als Baumwart bei einer Fabrikantenfamilie in der Nachbarsgemeinde, bis er den Landwirtschaftsbetrieb meiner Mutter übernehmen konnte.

1955 war es soweit und meine Eltern zogen von Buchberg nach Gräslikon. Mit viel Fleiss und dem Direktvertrieb von Beeren, Kischen und Obst, schufen sie zusammen einen bescheidenen Wohlstand für sich und ihre drei Kinder. Diesen können sie auch heute noch, im hohen Alter, im eigenen Häuschen geniessen. Die knapp 6 Hektaren Land haben für unsere Generation für eine Existenz nicht mehr gereicht. Das Land wurde verpachtet. Auf ihm wird jetzt Biogemüse angebaut. Einzig meine Schwester folgt noch einer Familientradition. Sie fährt immer noch mit Beeren, Obst und Gemüse auf den Wochenmarkt nach Winterthur. Ihre Produkte kauft sie zu.

Weltgeschichte wird oft abstrakt begriffen und in der Schule meist auf grosse Männer, herausragende Taten, Kriegsereignisse und Daten reduziert. Weltgeschichte spielt sich aber ganz direkt bei uns selber, mitten in den Familien ab und bestimmt das Schicksal jedes Einzelnen. Wie sehr auch meine eigene Familie, ist mir erst seit letztem Sonntag bewusst. Wie sich aber die heutigen Ereignisse – egal ob die aktuelle Pandemie, die Klimakrise oder die technologische Revolution (Digitalisierung, Gentechnik) usw. – auf unsere Kinder und Enkel auswirken, wissen diese frühestens in 50 Jahren. Sicher ist nur, dass sich der Irchel dann immer noch zwischen Thur und Töss erhebt.

24.06.2020: Weit weg!

Weit weg ist Corona. Irgendwo in einer Fleischfabrik im Norden Deutschlands, im Amazonas bei den Indigenen und den Slums von Lima. Noch viel weiter weg die drohende Klimakatastrophe. Selbst wenn die dürren Fichten mahnend in den Wäldern stehen, so findet diese bestenfalls weit weg, irgendwo hinter dem Ural statt, wo der Permafrost taut und tausende Tonnen Diesel die Taiga vergiften, weil der Boden taut, oder wo wieder einmal halb Sibirien brennt . Weit weg – betrifft uns nicht! Dank Corona ist sogar die „nervige Göre“ aus Schweden verstummt und FridaysForFuture bleibt zu Hause.

Was nicht in den Schlagzeilen steht, findet nicht statt. Weit weg auch Politiker aus nah und fern. Und selbst im Mikrokosmos des drögen Alltags ist die „Weit-weg-Philosophie (auch als Sankt Florians-Prinzip bekannt)“ eine feste Grösse. Wer’s nicht glaubt, der soll doch bitte mal den Kundendienst der Schweizer Post Finance anrufen. Spätestens nach der 7ten Entschuldigung durch den sprechenden Computer, wird er merken, wie weit weg die Post von ihren Kunden ist. Wenn er dann noch e-Banking aktivieren will, hat er diesbezüglich keine Fragen mehr.

Wer wünschte sich nicht auch manchmal „weit weg“ zu sein? Weit weg vom Stress, dem Ärger, der nervigen Arbeit oder dem langweiligen Alltagstrott. Weit weg – in den Ferien, auf einem Kreuzfahrtschiff, einem Sandstrand oder einfach nur zu Hause in den eigenen vier Wänden. Was im privaten Alltag Ausdruck von Überdruss oder (im positiven Sinne) Veränderungswille ist, ist gesellschaftlich ein Gen-Defekt. Wer als Firmenchef, Manager, Politiker oder sonstige/r Verantwortungsträger/in meint, mit verdrängen, verleugnen und „weit wegwünschen“, liessen sich Probleme aus der Welt schaffen, hat in solchen Positionen nichts verloren. Führung und Verantwortung sind nicht umsonst Zwillinge.

Kopfschütteln und Stirnrunzeln bereiteten mir im Moment aber nicht nur die Rekordzahlen neu infizierter Covidfälle (weltweit über 180’000 an einem Tag). Diese können mir persönlich egal sein – sie sind ja „weit weg„. Auch Flüchtlinge in Elendslagern auf griechischen Inseln – „weit weg„. Und was kümmern mich 20’000 Tonnen Diesel in den sibirischen Flüssen und die 6000 Waldbrände hinter dem Ural – „weit weg„, es sind ja nur Schlagzeilen. Kaum gelesen, schon vergessen.

Oft höre ich, ich würde mir zuviel Sorgen machen – weil eben, was kümmert dich das – es ist ja weit weg. Dummerweise ist die Erde rund und alles kommt irgendwann zurück. Sei es das Pestizied auf den Gemüsefeldern ins Trinkwasser, das verfütterte Antibiotika ins Schweinsschnizel auf meinem Teller oder das CO2 in der Luft, als Jahrhundertsommer. Wie alles miteinander verbunden ist, sollte uns eigentlich Corona gezeigt haben. Wir tun gute daran, daraus zu lernen.

Es braucht aber nicht immer Katastrophen und Pandemien um Sankt Florian zu begegenen. Wohin wegschauen und weg wünschen führt, erleben wir auch in den kleinen Dingen des Alltags. Wie eingangs erwähnt, bieten sog. Kundendienste und Digitalangebote von grossen Serviceanbietern (im obigen Beispiel die Schweizer Post Finance) abschreckende Beispiele. Offensichtlich nach dem Motto: „Was kümmern mich meine Kunden, diese sind ja weit weg„, werden Lösungen angepriesen (in obigen Fall eFinance der Post), welche den Durchschnittskunden in den Wahnsinn treiben. Ich behaupte mal von mir selber, ich wäre mit 35 Jahren Erfahrung in der Informatik, kein digitaler Volltrottel – kam mir beim Versuch dies für eine Freundin einzurichten, aber genau so vor! Jeder Versuch ist gescheitert. Erst Fehlermeldungen die einer Verarschung gleichen, (Motto: Du bist ein Depp), Supportseiten die ein ETH-Informatikstudium voraussetzen (ich stelle mir dabei immer ein 0815-Kunde vor) und einen Kundendienst, der genau so viel weiss wie ich – nämlich nichts! Angefangen bei den „Programmierern“, die solche Lösungen bauen (einen Kunden haben diese vermutlich weder je gesehen, noch mit ihm gesprochen), noch den Managern, die sich das lästige Problem „Kunde“ so weit weg wie nur möglich wünschen (man schalte einen sprechenden Computer vor die Kundendienstzentrale und nerve den Kunden mit wiederholten Aufforderungen zu warten). Die Lösung? Man wechselt am besten den Anbieter. Dumm nur, auch diese wünschen sich die Kunden nur herbei, bis sie sein Geld haben – danach aber rasch wieder weit weg!

17.06.2020: Auf den Mohrenkopf gekommen

Dublerone

Wir leben in einem wirklich glücklichen Land. Unser derzeit grösstes Problem ist ein ungesundes Süssgebäck mit zuviel Zucker, Fett und Schockoguss, welches von einem Grossverteiler wegen seines antiquierten und anrüchigen Namens aus dem Sortiment gekippt wird. Soweit, so normal – könnte man meinen. D.h. unter „normalen“ Umständen nähme davon kein Mensch Notiz. Aber was ist in der heutigen Zeit schon „normal“? Ist es auf jeden Fall nicht, im glücklichsten Land dieser Welt – der Schweiz. Ein solch ungeheuerlicher Angriff auf das „gesunde“ Volksempfinden muss zwangsläufig zu politischen Verwerfungen, ja gar zu Volksaufständen führen. Nachzulesen in den News und der Tagespresse: Massenandrang bei Dubler in Waltenschwil und Mohrenkopfdebatte im Zürcher Kantonsrat, lassen erahnen wie tief das Selbstverständnis der Mohrenkopffraktion erschüttert ist. Analysieren wir das Geschehen.

Ohne ins Gejammer der einzelnen Lobbyisten einzustimmen, welche wahlweise den Untergang ihrer Branche, ihres Unternehmens oder des ganzen Landes befürchten, sei doch angemerkt, dass es nebst den katastrophalen Fehlentscheiden eines Grossverteilers, auch noch zwei drei Dinge zu diskutieren gäbe, die vielleicht auch noch erwähnenswert wären. Also zum Beispiel die Unterstützung von kleineren Betrieben und Selbständigerwerbenden, denen wegen der Pandemie die Aufträge weggebrochen sind oder vielleicht auch nur ein möglicher Mieterlass für Geschäftsräume, die aus denselben Gründen keinen Ertrag mehr abwerfen. Aufgaben, für welche wir zum Beispiel Politiker wählen und fürstlich entlöhnen. Obwohl – ein gewisses Verständnis habe ich ja für die Arbeitsverweigerung unserer Parlamentarier – sie sind schwer mit dem Verdauen einer klebrigen Süssspeise beschäftigt. Unverständlich bleibt mir nur, weshalb ausgerechnet die erklärten Vertreter der Wirtschaft – also die bürgerlichen Parteien – ihre Klientel so sträflich im Stich lässt. Ein Rätsel, das ich erst noch lösen muss.

Was bei uns für rote Köpfe sorgt, stinkt andernorts bereits zum Himmel – der Angriff auf Anstand und Sitten. In Wien wurde gerade ein renitenter Bürger, für eine Furzattacke auf die Polizei, mit 500 Euro gebüsst. Im Herzen Europas weiss man noch, was sich gehört und greift zum Zweihänder. So oder so, der Verhältnisblödsinn stinkt zum Himmel. Ob gebannter Mohren- oder flatulierender Querkopf – es hinterlässt nur Kopfschütteln..

Dabei hätten wir Grund, uns zu freuen. Zumindest hier in Mitteleuropa sinkt die Zahl der Infizierten von Woche zu Woche und ist in der Schweiz, mit rund 20 Neuerkrankungen pro Tag kaum mehr erwähnenswert. Die Grenzen sind wieder offen, die Strassen wieder belebt und die Gartenrestaurants gut besucht. Der ideale Zeitpunkt also, sich ans Aufräumen und Reparieren zu machen. Also: Wie geht es weiter mit dem Tourismus – wie verhindern wir eine Pleitewelle der KMU – wie finanzieren wir all die Folgekosten des Lockdowns – wie bekämpfen wir die drohende Armut grosser Bevölkerungsgruppen? Fragen die jede/n von uns ganz direkt betreffen, Nur dumm, dass uns die Mohrenköpfe die Sicht darauf versperren. Aber vielleicht kommen diese ja gerade im richtigen Zeitpunkt. Sie lenken davon ab, wer die Kosten zu schultern hat – wir. Nur sagen will uns das niemand – schliesslich will man wieder gewählt werden.

Ob all diese Politiker bei einem gewissen Herrn Trump in die Schule sind, weiss ich nicht. Die Weigerung irgendeine Verantwortung zu übernehmen, zeigt aber auffällige Parallelen zu Onkel Donalds Gebaren. Für diesen sind für die Verlagerung der Industriearbeitsplätze in Billiglohnländer ja auch die Mexikaner und Chinesen schuld, für das Coronavirus selbstverständlich auch diese und wenn nicht dann die WHO, für den Rassismus natürlich die Antifa (wer das auch immer sein möge) und selbstverständlich die Schwarzen selbst, die Göre aus Schweden für den Klimawandel und überhaupt alle für alles ausser er für irgendwas. Falls unser Zeitalter mal als Ära der Verantwortungslosen in die Geschichte eingeht, würde es mich nicht wundern.

Ich solle nicht so negativ schreiben. sagen mir meine Nachbarin und meine Frau. Das stimmt, denn das Leben auf dem Dorfe, als Rentner und priviliegierter Bürger eines reichen Landes, bietet genug Gründe, dieses zu geniessen und die Schönheiten des Alltags zu loben. Sei es die Wanderung auf den Wolkenstaa, die Fischchnusperli am Hafen von Stein am Rhein oder der langersehnte erste Besuch im Me Kong (dem Chinesen meiner Wahl) nach der Grenzschliessung, in Rielasingen – der Alltag ist voll davon. Richtig ist, dass es solche Momente sind, die uns die Kraft geben, den Irrsinn zu ertragen. Es ist diese Kraft, die notwendig ist, Verantwortung zu tragen und Herausforderungen zu meistern. Sei es in der Nachbarschaftshilfe, in einem Verein, einer politischen Partei, an der Urne oder auf der Strasse. Mohrenköpfe werden uns nicht daran hindern!

12.06.2020: QR – Tsunami

QR des Grauens

Panik in den Augen. Wie mache ich in Zukunft meine Einzahlungen? Ab diesem Sommer gibt es neue Einzahlungsscheine mit QR-Code! In den Bio-Hofläden soll man mit Twint bezahlen und überhaut: „Ich fühle mich ausgeschlossen, abgehängt und verstehe die Welt nicht mehr“. Diskussionen, die ich dieser Tage mehrere führte. Auch dieses Thema schlummert seit Jahren vor unseren Augen und drängt nun in unser Leben – ob wir das wollen oder nicht. Das Thema nennt sich Digitalisierung.

35 Jahre lang habe ich diese in den Unternehmen vorangetrieben. Nicht als nerdiger Programmierer, sondern meist als „Visionär“, der von den Unternehmensleitungen geholt wurde, wenn sie mit ihrer Zettelwirtschaft den Anschluss verpassten. Und das Resultat war fast immer das Gleiche: Die „Alten“ wehrten sich mit Händen und Füssen gegen Veränderung und blieben dann auf der Strecke und die „Jungen“ waren begeistert, motzten über fehlende Funktionen und tricksten das System aus. Um mich richtig zu verstehen: Unter vielen „Alten“ gab es auch Jüngere – der Umgang mit Veränderungen hat nichts mit dem Jahrgang zu tun.

Das Dumme ist – wir leben in einer Zeit der radikalen Umbrüche, ja sogar der Disruption (Disruption ist ein Prozess, bei dem ein bestehendes Geschäftsmodell oder ein gesamter Markt durch eine stark wachsende Innovation abgelöst beziehungsweise „zerschlagen“ wird.). Noch dümmer – wir haben dazu kaum etwas zu sagen. Die „Visionäre“ hocken weit weg in Kalifornien, im Silicon Valley oder in Zhongguancun (die chinesische Variante) und basteln an unserer Zukunft – ungefragt und meist auch unkontrolliert. Dazu ist anzumerken: Auch die Dampfmaschine, die Eisenbahn und das Auto waren keine demokratischen Projekte – sie wurden, ähnlich wie Apple oder HP – in Hinterhöfen und Garagen entwickelt. Mit den Folgen kämpfen wir heute noch, bzw. je länger je heftiger. Und so wie das Auto und das Flugzeug unsere Städte und Dörfer, unseren Lebensstil und das Klima verändert hat, so tut dies der Digitalisierungs-Tsunami. Der „neue“ Einzahlungsschein mit dem QR-Code ist nur gerade die „Briefmarke“ auf dem Brief, mit dem uns der angekündigt wird.

Viel gravierender und einschneidener als QR-Codes auf Einzahlungsscheinen oder Twint zum bargedlosen zahlen, sind die Veränderungen welche kaum je mit der Digitalisierung – die ja schon seit mindestens drei Jahrzehnten im Gange ist – in Verbindung gebracht werden. So wie kaum jemand das Loch in der Quartierstrasse oder seine schrumpfenden Rentenansprüche im BVG, mit den tiefen Unternehmenssteuern in Verbindung bringt, so wenig bringt er das Lädelisterben und die Schliessung der Post im Dorf, mit der Digitalisierung in Verbindung. In den Medien werden dafür selbstfahrende Autos gehypt, von den ominösen Algorithmen und künstlicher Intelligenz geschwafelt und die Verschwörungstheoretiker warnen davor, dass uns die neuen 5G-Antennen grillieren (oder gar Corona auslösen). Es geht also um die Frage: Wie gehen wir (jeder Einzelne, wie auch die Gesellschaft), mit Veränderungen um.

Bleiben wir nochmals beim QR-Code, Einzahlungsscheinen, Twint und Co. Was für die Einen eine einschneidende Veränderung bedeutet – im schlimmsten Fall viel kostet (Gebüren) oder gar das Ende bisher genutzter Dienste heisst – ist für die Andern schon seit langem Alltag. Der stärkste und sichtbarste Ausdruck dieser digitalen Kluft ist vielleicht der Umgang mit dem Handy. Grosseltern, ja sogar Eltern müssen heute ihre Jungmannschaft um Rat bitten, wenn es um unverständliche oder neue Funktionen auf ihrem Smartphone geht. Die Kinder erklären den Erwachsenen die Welt. Ein neues Phänomen, welches auch eine Machtumkehr bedeutet.

Auch wenn ich ein Digital-Junkie bin, habe ich für die Sorgen und Nöte der digitalen Newbies (Neuling oder Anfänger) ein gewisses Verständnis. Was uns disruptive Technologien bescheren gleicht oft mehr einer Zumutung, als einem Fortschritt. (Ich möchte z.B. nicht wissen, wieviele Stunden ich schon mit fehlenden Passwörtern oder der Registrierung meiner Daten auf irgendwelchen Portalen verplempert habe). Was uns als Innovation und Fortschritt verkauft wird, entpuppt sich nur allzuoft als Falle und dient einzig dem Profit einiger grosser Techgiganten. Oder wer möchte z.B. eine Alexa (ein Sprachassistent von Amazon, mit dem ich ständig mit Amzon verbunden bin) im Wohnzimmer, die mir 24 Stunden im Tag zuhört? Das gleiche gilt für Siri auf dem iPhone und andere tollen Dinge, die unseren Alltag „erleichtern“. Eine kritische Distanz zu solchen Innovationen ist also nicht nur vorgestrig und den „Alten“ vorbehalten.

Wir tun – im eigenen Interesse – aber gut daran, uns mit diesen Themen und Technologien auseinanderzusetzen und sie dort zu nutzen, wo wir sonst ausgeschlossen werden. Bestes Beispiel dafür ist meine Mutter (90). Weil sie sich „weigerte“ ein Billet an einem Automaten zu lösen, kann sie auch nicht mehr Zug fahren (ohne ein Kind oder Enkel zu bemühen). Das gleiche Schicksal droht auch vielen unserer Generation, wenn wir uns nicht bemühen zu verstehen, was da gerade passiert und was es für unseren Alltag bedeutet. Gerade lebensnotwendige Dinge, wie Rechnungen zahlen, Bargeld oder nicht, die Auslagerung von bisher analogen Diensten in die digitale Welt (Online-Shopping, Postdienste, Versicherungsabschlüsse, Online-Steuererklärungen usw. usw) haben einen unmittelbaren Einfluss darauf, ob wir noch Teil dieser Gesellschaft sind oder an den Rand gedrängt werden.

Auf meiner Visitenkarte, die ich nach meiner Pensionierung vor 2 Jahren habe drucken lassen, steht als Beruf, Digital Coach. Ich verrmute ein „Job“, der in den nächsten Jahren noch deutlich an Bedeutung gewinnen wird.

03.06.2020: Hoffen

Schattenspiele

Ein Tag, schöner wie die andere. Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang blauer Himmel. Corona (zumindest gefühlt) weit weg – in Brasilien oder den USA. Der Alltag kehrt zurück. Nur die kalte Bise konnte die Laune noch etwas trüben. Doch wie so oft, wenn man denkt jetzt werde alles gut, wird man eines Besseren belehrt. Es beginnt im Alltag. In Diskussionen mit Freunden und der Familie, beim Blick aus dem Fenster und endet mit den Schlagzeilen und Bildern der Tagesschau. Man könnte natürlich zur Tagesordnung übergehen und die Normalisierung des Alltags einfach geniessen. Das taten wir auch. Erstmals seit unserer Rückkehr besuchten wir ein Gartenrestaurant und genossen Spargel mit einem Glas Weissen. Wir waren auf dem Randen, an der Thur und erkundeten die Hügel um unser Dorf. Eitel Sonnenschein also – so könnte man meinen. Und dann…

…schaut man aus dem Fenster und sieht wie die Fichten im gegenüberliegenden Wald gleich hektarweise verdorren – die letzten beiden Dürresommer lassen grüssen, die Klimakrise ebenfalls. Dann schleicht sich die Dummheit auch noch in den engsten Bekanntenkreis – in Gestalt eines bekennenden „Eidgenossen“ (mit italienischen Pass) und SVP-Wählers – der meint, weil er eine Uniform trage hätte er Sonderrechte und können nun wieder auf Schnäppchenjagd ennet der Grenze. (er wurde übrigens gestoppt!). Von den Horrorbildern im Fernsehen und dem Wahnsinn eines gewissen Herrn Trump bräuchte ich gar nicht zu schreiben. Es macht nur fassungs-, sprach- und hoffnungslos.

Mit den Worte meines betagten Vaters im Ohr: „Hat Amerika den Schnuppen, so hat der Rest der Welt eine Lungenentzündung„, sitzt man ungläubig vor der Flimmerkiste und sieht dem langsamen qualvollen Mord eines Menschen zu. Der Mord an einem unbescholtenen schwarzen Amerikaner, vor laufender Kamera, ist das Eine – was daraus folgt das Andere. Erschütternd sind nicht die Demonstrationen in über 140 amerikanischen Städten oder die Plünderungen und Brandstiftungen. Solche Reaktionen gabe es auch schon früher, in vielen ähnlich gelagerten Fällen. Rassismus und Gewalt gegen Schwarze ist auch nicht erst seit dem 25. Mai 2020 gelebter Alltag in den USA (und selbstverständlich auch anderswo). Erschütterrnd ist das sich seit Jahrzehenten nichts ändert, erschütternd sind aber auch die 1,9 Millionen Covid-Infizierten und 108’000 Toten in diesem so hochentwickelten Land, die 40 Millionen Arbeitslosen, die Autoschlangen vor den Essensausgaben, die abgrundtiefe Kluft zwischen Arm und Reich – und immer trifft es die Nicht-weisse Bevölkerungsgruppen überproportional.

Das wahre Drama, welches auch uns hier im fernen Europa trifft, spielt sich jedoch in der politischen „Elite“ ab. Dass der derzeit amtierende Präsident nicht alle Tassen im Schrank ist, ist vermutllich hinreichend bekannt. Dass er mit komplexen Situationen seine liebe Mühe und ausser Erpressung, Drohungen und Gewalt keine Antworten hat, hat er schon mehrfach bewiesen. Weltmeisterlich ist er nur in einer einzigen Disziplin. Er findet instinktsicher Schuldige. Alle ausser ihm, sind Idioten. (das denkt übrigens der Geisterfahrer auf der Autobahn auch). Bei Corona ist es die WHO und China, bei den Unruhen die ominöse „Antifa“ (ausgedeutscht die sog. Antifaschisten – eine Organisation, die es so gar nicht gibt – meinen tut er damit vermutlich die Demokraten) und für den Niedergang der Amerikanischen Wirtschaft die Chinesen, Huawei und die Linken. All das ist den Amerikanern, wie dem Rest der Welt seit Beginn seiner Amatszeit vor 3 1/2 Jahren sattsam bekannt – soweit, im Westen nichts Neues.

Soweit, so bersorgniserregend. Die Hoffnung konzentriert sich darum einzig noch auf Dienstag den 3. November – dem Tag wo in den USA gewählt wird. Ein anderes Rezept gegen den Despoten ist weit und breit nicht in Sicht. Doch bereits werden ernstzunehmende Stimmen laut, die vor einem „Staatsstreich“ warnen. Also der Möglichkeit, dass Mister Twitter eine sich abzeichnende Niederlage nicht akzeptieren würde. https://www.spiegel.de/netzwelt/web/donald-trump-seine-strategien-fuer-den-staatsstreich-kolumne-a-ab1efdca-874c-4af9-9a02-2241be3467c1?fbclid=IwAR3DLA4rP2pvOFlI3j8h8wvnP0H7O6YnZdzkSBRaegDkmwkN7kp_nZ4Zhfc. Ein Bürgerkrieg wäre so sicher, wie das Amen in der Kirche. Als Profi-Twitterer braucht er einen einzigenTweet und seine bewaffenten Rednecks marschieren los. Dass er dieses Szenario in Erwägung zieht, ist offensichtlich.

Auf die Parteien zu setzen ist ziemlich verwegen. Die Demokraten treten mit einer blassen Figur (Joe Biden) zu den Präsidentschaftswahlen an – Aufbruchstimmung, sieht anders aus – und die Republikaner ducken sich weg. Ein/e jede/r hat Schiss sich mit dem allmächtigen Trumpeltier anzulegen – es wäre ihr/sein politisches Ende. Auf die Gerichte ist ebso wenig Verlass – das Oberste Gericht wurde schon beizeiten mit trumptreuen Speichelleckern besetzt. Bleibt noch die „Strasse“ (also die Zivilgesellschaft) und (vielleicht) das Militär, welches sich weigern könnte, auf das eigene Volk zu schiessen. Immerhin gehen ranghohe Militärs auf Distanz zum Wahnsinnigen im Oval Office. https://www.saechsische.de/trump-bringt-sogar-militaers-gegen-sich-auf-5211084.html. Auf jeden Fall darf man sich gar nicht ausmalen, was es bedeuten würde, wenn das Land in einem Bürgerkrieg versinkt und das Atomwaffenarsenal in die Hände wahnsinniger Milizen fällt. Spätestens dann, sind auch wir ganz direkt betroffen. Bleibt uns also nur die Hoffnung, dass es nie soweit kommt.

26.05.2020: Alles ganz normal

Da sitzen wir also, warten auf das Ende des Lockdowns und hoffen auf Normalität. Einzelinteressen – von den Wirten über den Profisport bis zum SAC – dominieren die Diskussion und fordern ihren Anteil am Honigtopf des Staates. Noch lauter sind nur die Bessserwisser, welche auf Normalität pochen, wo es keine (mehr) gibt. Denn was heisst denn „normal„? Alles wie „vorher“ oder doch lieber noch ein bisschen mehr davon? Also noch tiefere Steuern, noch weniger Sozialleistungen, Löhne kürzen, kippen aller Vorlagen und Vorstösse, die „Geld kosten“ (CO2-Gesetz, Vaterschaftsurlaub, etc.)? Das Wunschkonzert jener, welche am meisten von den Covid-Notkrediten und den Geldtöpfen des Staates profitieren, gleicht einer unendlichen Selbst-Bereicherung. Da sind die notkreditfinanzierten Ferraris nur die hässliche Spitze eines übermächtigen Eisbergs. Keine Panik also, die Normalität ist also schon da. Wir sind die Glücklichen, wir können es uns leisten – current normal also.

Seit meiner Rückkehr in die Schweiz, vor fünf Wochen, beschäftige ich mich mit der alles dominierenden Pandemie. Anderes hat im Alltag und den Gesprächen kaum mehr Platz. Es scheint fast so, als gäbe es keine anderen Themen mehr. Bei näherem Hinsehen wird aber rasch klar, dass wir eigentlich von „alten“ Themen sprechen, die durch diese Krise nur verstärkt – und leider auch verschleiert – werden. Nehmen wir zum Beispiel die USA mit 1,7 Millionen Infizieren und 100’000 Toten (ein Ende ist nicht abzusehen). Trotz Billlionen an staatlichen Nothilfen stehen die Leute vor Gassenküchen an, 40 Millionen haben innert Wochen ihren Job verloren und statt dass das Geld die Bedürftigen erreicht, werden die Konzerne gefüttert (Quelle: Interview mit Josph Stiglitz, ZEIT, vom 26.5.2020; https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-05/joseph-stiglitz-corona-donald-trump-usa). Es manifestiert sich also das Dauerthema „Ungleichheit“ – also die Kluft zwischen Arm und Reich und den Rassen – in seiner ganzen Wucht. Dann nehmen wir noch die Heuschreckenplage in Ostafrika. Dort fressen aktuell Heuschreckenschwärme in der Grösse des Bodensees die Felder leer. Aus heiterem Himmel? Nein – es ist die Folge der sich verschärfenden Klimakrise (Nein – diese ist nicht in Quarantäne!). Die veränderten Meereströmungen haben das Wetter verändert und begünstigen das Entstehen solcher Plagen. Dazu kommen Kriege in Jemen, Warlords in Somaliland und blockierte Hilfe wegen Corona. Der perfekte Sturm um 25 Millionen Menschen in den Hunger zu treiben. (Quelle: TA, 26.5.2020). Masernepidemie im Kongo – nie gehört? – wird begünstigt durch die Pandemie, da nicht mehr geimpft wird, Helfer fehlen oder wegen den Ausgangssperren nicht mehr helfen können (Quelle: medcine sans frontiere, 25.5.2020: https://www.msf.ch/de/neueste-beitraege/artikel/dr-kongo-bekaempfung-von-masern-zeiten-von-covid-19). Aber wir brauchen nicht einmal so weit zu gehen. Deutschland und Frankreich denkt wieder einmal über Kaufprämie für Autos nach, um ihre darniederliegende Autoindustrie zu „retten“, es werden Milliarden für die gegroundeten Fluggesellschaften gesprochen und darüber nachgedacht, wem man alles Steuergeschenke machen kann (keine Angst weder dir noch mir). Ach ja – während ich hier schreibe wurde Jeff Bezos von Amazon wahrscheinlich um ca. 10 Millionen reicher….

Wer geglaubt hat diese Krise wäre ein Denkzettel und würde uns zum Innehalten oder gar Umdenken zwingen, irrt. Ich fürchte es gehen genau jene als Gewinner aus der Krise hervor, die schon vorher von diesem System profitiert haben – jetzt einfach noch schneller und unverschämter. Die Armut auf der Welt wird rasant zunehmen – Hunger und Kriege ebenso. Die Schere zwischen Unten und Oben wird sich weiter öffnen (die Presse fabuliert ja schon darüber, ob Jeff Bezos der erste Billionär sein werde – sie prognostizieren 2026: https://www.amazon-watchblog.de/jeff-bezos/2161-jeff-bezos-erste-billionaer-der-welt.html). Die Probleme haben wir mit verödeten Innenstädten und ausbleibenden Steuereinnahmen. Auch das – einfach noch etwas schneller, als befürchtet.

Bin ich zu pessimistisch? Vielleicht. Es bringt aber auch nichts, die Augen vor der Realität zu verschliessen. Egal ob es um eine Pandemie, das Klima, die Ungleichheit oder die Folgen des ungebremsten Wachstums geht – früher oder später holen uns diese Probleme ein. Ob wir wegsehen, es ignorieren oder nicht wahr haben wollen, ist egal. Ab einem bestimmten Punkt sind wir gezwungen, uns damit zu beschäftigen. Es sind nicht nur die „Schwarzen Schwäne“ (Katastrophen, Unfälle etc.), die uns zusetzen – es sind oft die alltäglichen DInge, vor unseren Augen, die zu Krisen führen. Diese sollten wir im Auge behalten! Die Corona-Pandemie wäre so eine Möglichkeit. Sie hat die unangenehme Eigenschaft, vorhandene Probleme zu verstärken. Genau wie oben beschrieben. Lösen können wir diese aber nur durch Hinsehen. Der Wunsch nach Normailtät ist verständlich. Dieser führt aber oft in eine neue Katastrophe. Es wäre an der Zeit, sich den Problemen anzunehmen.

19.05.2020: Jämmerlich

Ein jämmerliches Bild

In Basel feieren sie schon Party, in Bern geben sich die Erweckten und Hobby-Virologen mit den Braunsocken ein Stelldichein, die Coiffeure schneiden seit zwei Wochen wieder Haare, Musiker und Schauspieler nagen am Hungertuch, der Tourismus erlebt sein Armageddon, während die Menschen in Manaus wie die Fliegen sterben, in Indien Hundertausende hungern und Verzweifelte in Santiago de Chile den Aufstand proben. Wir schreiben das Jahr 2020 und POTUS Trump schluckt prophylaktisch ein Malaria-Medikament gegen ein Virus, das es gemäss Bolsonaro gar nicht gibt.

Während also die privilegierte Minderheit jammert und sich verraten und beschissen fühlt, kämpft die Mehrheit ums Überleben und verantwortungslose Politiker veranstalten ein tötliches Trauerspiel vor unserer aller Augen. Einmal sind die Chinesen schuld, dann die WHO und das Geschachere um einen inexistenten Impfstoff schreit zum Himmel. Hiess es einmal „Vertrauen ist unser grösstes Kapital„, so wird dieses gerade schlagzeilenträchtig auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ersetzt wird dieses durch Drohungen, Erpressung, Lügen und die Macht des Stärkeren. Wohin das führt, lehrt uns die Geschichte.

Es ist erschreckend zu realisieren, dass zwei Monate Pandemie – bzw. gedrosselter Wirtschaft – genügen, um unser System ins Wanken zu bringen. Zwei Monate eingeschränkter Konsum, zwei Monate gebremste Mobilität, zwei Monate gesperrte Grenzen und wir stehen vor einer Pleitewelle und einer nie gekannten Rezession. Wo bleiben eigentlich die Reserven? Wo nur noch Gewinne für anonyme Aktionäre, Hedgefonds, Investoren und Pensionskassen zählen, ist das eine rethorische Frage. Sie wurden offensichtlich im Börsencasino verspielt oder in Betonburgen gegossen. Von unternehmerischer Verantwortung, Innovationsgeist und „Chance in der Krise“ ist derzeit wenig zu spüren. Lieber jammert man die Medienkanäle voll und pumpt den Staat um Kredite an. Auch die Wirtschaftselite: ein einziges Trauerspiel.

Das Schlimmste: Wir wüssten (eigentlich) alle was zu tun ist. In seinem Buch „Alles könnte anders sein“ bringt es Harals Welzer auf den Punkt. Machen statt Jammern. Jammern ist die Rechtfertigung für das Nichts-Tun. Egal ob jetzt in (bzw. nach) der Coronakrise, im Klimaschutz oder dem Umbau der wachstumsbesoffenen Wirtschaft. Thomas Piketty bringt uns das Dilemma in seinem neusten Buch „Kapital und Ideologie“ auf den Punkt. Wir stehen uns selbst im Weg. Wahrlich ein Jammertal.

Um nicht auch noch in Trübsal zu verfallen, habe ich mich auf die Suche nach positiven Beispielen gemacht. Frei nach Jeremias Gotthelfs Motto: „Im Hause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland“ wurde ich auch schnell fündig. Es sind nicht die grossen Welterrettungsprogramme, die uns vorwärts bringen, es sind die kleine Dinge, die wir (auch tatsächlich) tun.

Da gibt es einen Surfer und Snowborder namens David Hablützel aus Zumikon. Beim Surfen auf dem Atlanik war nicht nur Wasser unter seinem Surfbrett, sondern immer mehr Platikmüll. Darüber kann (und soll) man sich aufregen. Er aber handelt(e). Kurzerhand gründete er zusammen mit zwei Kollegen eine Firma, die aus diesem Abfall Socken fertigen soll. Zwei Jahre haben sie getüftelt – nun soll es losgehen. Socken aus Plastik. Gesammelt von spanischen Fischern, gesponnen und verarbeitet in Europa (Portugal). Da ist alles drin, was zu einem innovativen, nachhaltigen Projekt gehört. Wer die Firma unterstützen will, hier der Link: www.oceanplastic.fnd.to/tealproject

Oder ein anderes Beispiel – in Brüssel, aber auch anderen Städet (Paris, Barcelona, Rom etc.) wird gerade der innerstädtische Verkehr umgebaut. Aus Angst vor einer Ansteckung meiden viele Bewohner den öffentlichen Verkehr und steigen aufs Velo um. Diese „Chance“ nutzt jetzt z.B Brüssel und macht ihre Stadt verlofreundlich. SRF berichtete darüber:

Brüssel – Immer «Grün» für Radfahrer und Fussgänger: Neue Verkehrsschilder, neue Farben am Boden und neue Regeln im Strassenverkehr. In der belgischen Hauptstadt Brüssel haben in der Innenstadt Fussgänger und Velofahrer neu Vortritt vor den Autos. Seit dem 11. Mai sind die Ampeln in der Innenstadt ausgeschaltet, Vorfahrt haben nur noch die Trams. Nicht ganz ohne Gegenwind haben der Brüsseler Bürgermeister Philippe Close und sein Kabinett die Corona-Krise für diese zurzeit noch temporäre Verkehrswende genutzt. Was sich aber auch mit diesen neuen Regeln in der Stadt nicht geändert hat: Für die wackligen Kopfsteinpflaster braucht man nach wie vor eine gute Federung, wenn man die Velofahrt unbeschadet überstehen will.

Wo machen eigentlich die Schweizer Städte?

12.05.2020: Ominipräsenz

Woche für Woche nehme ich mir vor, mich von diesem omnipräsenten Virus zu verabschieden und über andere, ebenso wichtige Vorkommnisse und Denkwürdigkeiten zu schreiben. Und wie letzte Woche, scheitere ich damit auch diese Woche grandios. Das Virus lässt nicht locker.

Nicht weil dieser plötzlich noch ansteckender oder gefährlicher wäre als bisher gedacht, umso mehr aber geben mir die Reaktionen darauf Grund zur Sorge. Dominierte am Anfang noch die Angst vor einer möglichen Ansteckung oder Fragen zum Lockdown und dem eigenen Verhalten, so beherrschen seit ein paar Wochen Irrsinn, bis hin zu pathologischem Wahnsinn die Szene. In Presse, Feuilletons, Youtube und der Strasse manifestiert sich ein Gebräu, dass noch vor ein paar Wochen unvorstellbar war. Vom Impfgegner bis zum gröhlenden Wutbürger mit Hakenkreuz rotten sich Menschen zusammen, die ihrem Frust über die Einschränkungen freien Lauf lassen. Auch wenn es nur eine Minderheit ist, – so ist diese laut und findet Eingang in die Berichterstattung – und somit in unsere Wohnstuben. Das Virus schleicht sich langsam in unsere Köpfe.

Es liegt mir fern ins allgemeine Gejammere über diese Krise und ihe Folgen einzustimmen. Dafür haben wir die $VP und den Gewerbeverband. Ebenso wenig über das Gejohle dieser selbsternannten Epidemie-Experten und Hobby-Virologen. Irrationales Verhalten gehört wohl zu einer solchen Krise und lässt sich nicht ganz vermeiden. Bedenklich ist vielmehr, dass wir ob diesem Geschrei und Gejammer vergessen, was uns wirklich Sorgen machen sollte. Seien wir mal ehrlich – hier in der Schweiz muss sich niemand wirklich ernsthafte existentielle Sorgen machen. (mag jetzt arrogant klingen, ist aber so). Vielleicht ist der eine oder andere Zukunftsplan Makulatur – das ist gemein, aber kein Weltuntergang, man macht einfach etwas anderes. Vielleicht verlier ich meinen Job – ebenfalls hart und ungerecht, aber ich bin über Kurzabrbeitsentschädigung und RAV abgesichert. Vielleicht gerät mein Geschäft in finanzielle Schieflage – das ist unschön, aber ich bekomme Notkredite und falls ich pleite gehe, suche ich mir einen Job. Ich muss Ferien umbuchen, kann nicht nach Thailand, die Hochzeit fällt ins Wasser und Open Airs gibt es auch keine diesen Sommer – blöd, aber es lässt sich alles nacholen. Was „wir“ treiben ist also eine Nabelschau – auf allerhöchstem Niveau.

Was ist mit den Millionen indischer Wanderarbeiter, die hungern, weil sie ihre Arbeit wegen des Lockdowns, verloren? Was mit den südafrikanischen Slumbewohnern, die lieber an Covid sterben, als an Hunger? Den Bewohnern der brasilianischen Favelas, die täglich um ihr Überleben kämpfen müssen, den Flüchtlingen in Moria (Griechenland) und und? Im Gegensatz zu diesen Menschen können wir uns diese Krise leisten – sie sterben daran. Diese Menschen hätten tatsächlich Grund gegen die Massnahmen ihrer Regierungen zu protestieren. Wir Mitteleuropäer beweisen damit einzig unsere Lächerlichkeit und unseren grenzenlosen Egoismus.

Noch mehr Sorgen sollten wir uns allerding über all das machen, was aus den Schlagzeilen verschwunden oder nach hinten gerutscht ist. Covid ist eine Krankheit gegen die wir irgendwann immun sind, ein Medikament oder einen Impfstoff haben werden. Also ein temporäres Problem (wenn wir auch noch nicht genau wissen wie lange und was es uns am Ende kostet). Die wirtschaftlichen Schäden sind enorm, zumindest für uns in Europa aber zahlbar (durch wen, muss noch ausgefochten werden). Wer in den Nachrichten aber nicht nur die fetten Schlagzeilen verfolgt, wird schnell fündig, über unsere wirklichen Probleme und Herausforderungen. Drohender Wassermangel in den Alpen (ETH Hydrologe), Riesige Waldbrände in Sibirien und im Amazonas (ja, schon wieder!), Wärmster Winter seit Messbeginn, CO2-Gehalt nahe 420 ppm, Grundwasser in 12 Kantonen mit Pestiziedrückständen belastet.Krebsgefahr vermutet…usw. Stattdessen suhlen wir in „unserem Elend“, suche imaginäre Schuldige und schwafeln von Dingen, von denen wir keine Ahnung haben (Diktatur). Um es mit den Worten Loriots zusagen: In der Krise suchen die Intelligenten nach Lösungen, die Idioten nach Schuldigen. Covid-19 trennt die Spreu vom Weizen.

Seit erst drei Wochen haben wir festen Boden unter den Füssen aber es scheint als wanke dieser mehr als die Magnifica im Sturm der Tasmanischen See. Gegen diesen gab es Reisetabletten. Gegen die Omnipräsenz der egoistischen Wutbürger ist sowenig ein Kraut, wie gegen Covid-19 gewachsen.

06.05.2020: Grenzerfahrungen

An der Grenze zu Deutschland, Mai 2020

Wie wahrscheinlich alle, habe auch ich die Nase voll von Corona und deshalb wollte ich diese Woche einmal über etwas anderes schreiben. Themen hier und auf der Welt gäbe es wohl genug. Klimakrise, Arm und Reich, Gift im Wasser, Bienensterben oder das Verhältnis der Schweiz zu Europa lassen sich vom Corona-Virus kaum beeindrucken. Und nur weil etwas nicht als Schlagzeile in der Presse steht, heisst es nicht, dass es nicht existiert. Im Gegenteil – im „Verborgenen“ entwickeln sich oft die Probleme, die uns morgen beschäftigen.

Leider nimmt das Virus keine Rücksicht auf unsere Befindlichkeiten und Absichten und belastet auch unseren Alltag. Dabei stressen uns weniger die empfohlenen Massnahmen oder die geschlossenen Beizen – deren Sinn wir ja einsehen – Sorgen machen uns die politischen Begleiterscheinungen, sowie der Umgang mit den unterschiedlichen Ansprüchen und Verhaltensweisen.

Über die zahlreichen kruden Verschwörungstheorien, die in den Sozialen Medien und auf der Strasse herumgereicht werden, brauche ich mich nicht mehr auszulassen. Diese werden (zum Glück) auch von der „seriösen“ Presse thematisiert und zur Diskussion gestellt. Heikel wird es jedoch dann, wenn sich aus einer abstrusen Behauptung und FakeNews Handlungsmaximen entwickeln und z.B auf Abstandsregeln gepfiffen und Versammlungsverbote ignoriert werden.

Doch nicht genug, dass es welche gibt, die sich um solche Regeln futtieren, sie werden auch noch durch politische Parteien gestärkt, die das Virus wie einen lästigen politischen Gegner behandelt und meinen man könne diesen mit Mehrheiten im Parlament, abstrusen Forderungen oder dem Druck der Strasse besiegen. Was in der Klimakrise zu funktionieren scheint – Experten negieren, beschimpfen und Feindbilder (Greta, Grüne und Linke) basteln – soll es auch in der Pandemie richten. Ein gefährlicher, wenn nicht gar tötlicher Trugschluss. Der Unterschied: Die Klimakrise lässt sich „verdrängen“, da sie sich schleichend entwickelt – ein Virus entwickelt sein Potenzial deutlich schneller. Das die Sorgen der Wirtschaft ernst zu nehmen sind, ist unbestritten. Diese über das Leben von Tausenden zu stellen, halte ich für inakzeptabel.

Stress

Letzten Sonntag haben wir unseren Enkeln (im Teeniealter) zeigen wollen, was geschlossene Grenzen konkret bedeuten. Hier an der Grenze zu Deutschland materialisiert sich der ganze Spuk besonders deutlich und begleitet uns tagtäglich. Nicht nur, dass die Armee ständig über unser Dorf fliegt und Ausschau nach „illegalen“ Grenzübertritten hält – auch die unterbrochenen Buslinien, die geschlossenen Tankstellen und die Betonblöcke mitten in den Strassen zeugen von der Ausnahmesituation. Wer von geschlossenen Grenzen träumt, wie zum Beispiel die $VP, soll doch bitte mal einen Blick auf die Grenze werfen – es ist ein trauriges Bild. Schon fast rührend war es dann am Sonntag, als sich Verwandte, Bekannte und Freunde an den Betonblöcken und Absperrgittern besuchten um einen Schwatz zu halten oder um sich einfach wieder einmal zu sehen. Es war nicht nur für unsere Enkel beklemmend und beeindruckend zugleich.

Wirklichen Stress aber machen uns all die unterschiedlichen Meinungen, Ansprüche und Haltungen, mit denen wir konfrontiert werden. Die Verhaltenspalette reicht von locker-legere, über vorsichtig-zurückhaltend bis penibel-übertrieben. Welche Haltung ist nun die Richtige? Stösst man Freunde und Familie vor den Kopf, wenn man ein anderes Verhalten einfordert? Wo liegt die Toleranzschwelle. Welche Haltung nehme ich (wir) ein und wie kommunizieren wir das? Wir geben es zu, wir haben den goldenen Mittelweg noch nicht gefunden und ringen jeden Tag mit neuen Ansprüchen und Verhaltensweisen. Wir wissen instinktiv, dass Angst ein schlechter Ratgeber ist – wie aber auf jemanden reagieren, der sich genau davon leiten lässt? Genau so gefährlich das Gegenteil – wie reagiere ich auf Menschen die mir zu nahe kommen und auf Abstandregeln pfeiffen? Ängste ernst nehmen und respektieren – ja, den Lockdown-Überdruss – auch. Sich dazwischen zurecht zu finden, ohne sich selbst zu verleugnen, Freunde zu bruskieren oder gar Freundschaften zu riskieren, ist der eigentliche Stress. Manchmal wünschten wir, wir können zurück auf unser Schiff und weit draussen im Ozean die Krise aussitzen. Traümen ist zum Glück noch erlaubt.

30.04.2020: Landkrank

Früher sprach man vom Matrosengang, wenn diese nach langen Wochen und Monaten endlich Land betraten. Breitbeinig suchten sie Halt auf dem schwankenden Boden – auch wenn dieser nun fest war – für sie schien er immer noch zu schwanken. Landratten ergeht es so, wenn sie auf einem Schiff sind – nur ist dort das Schwanken real. Seekrankheit ist nicht umsonst gefürchtet. Landkrankheit kennt dagegen kaum jemand. Übelkeit auslösen können aber nicht nur schwankende Böden – egal ob real oder eingebildet.

Wir wussten, dass wir in eine andere Welt zurückkommen, als die, die wir im Januar verlassen haben. Selbst in den fernen Weltmeeren blieb uns Covid-19 und der Lockdown nicht verborgen. Wir hatten auch genügend Zeit uns mental darauf vorzubereiten. Zu meiner grossen Überraschung war die Realität – also das Alltagsleben – zumindest hier auf dem Dorf, nicht so gespenstisch wie befürchtet. Die neuen Regeln des Zusammenlebens sind einfach und schnell gelernt. Abstand halten ist zwar komisch, aber auch kein Beinbruch. Ein Schwatz über die Gartenhecke und ein gemeinsamer Spaziergang ums Dorf können wir immer noch geniessen. Und das Desinfizieren vor dem Betreten eines öffentlichen Raums haben wir ja gelernt. Jetzt nicht mehr vor dem Buffet, dafür vor der Migros.

Man könnte also denken: Alles ok – alles halb so schlimm. Leider habe ich mich einmal mehr getäuscht. Nein, nicht dass jede/r anders mit der Situation umgeht – das liegt in der Natur der Sache – sondern der Rückfall ins tiefste Mittelalter. Man könnte fast meinen man wäre im Venedig des 14ten Jahrhunderts und die Pest in der Stadt. Es ist als wären sieben Jahrhunderte einfach so verschwunden – ausgelöscht – getilt! Der einzige Unterschied – die Pest hat einen anderen Namen, sie heisst jetzt Corona.

Corona ist ja bestenfalls eine leichte Grippe – gibt es gar nicht- ist eine Erfindung von (wahlweise WHO, Chinesen, Bill Gates) – eine Strafe Gottes – bis zu – die Alten sterben so oder so – das hilft die AHV zu sanieren – sperrt die Alten weg – oder – zeig mir mal einen der an Corona verstarbder Staat schafft die Demokratie ab, will uns alle nur überwachen und errichtet eine Diktatur, ist alles zu finden. In den Sozialen Medien, erschreckenderweise aber auch bei Bekannten. Selbst Anti-Corona-Lockdown Demonstrationen fehlen nicht – in Amerika sogar bewaffnet – unterstützt vom Gejaule der wirtschafts-liberalen Parteien. Derweilen warnen die Experten vor einer zweiten Welle. Fehlen eigentlich nur noch jene die sich selber geisseln oder „Judenviertel“ stürmen ….. Aber Halt! Auch das gibt es. Statt sich zu geisseln, futtiert man sich um Abstandsregeln und anstelle der Juden sind wahlweise „die“ Ausländer, Chinesen oder die „Experten“ schuld. Mittelalter im 21ten Jahrhundert. 700 Hundert Jahre weg, aus und vergessen.

Ich reibe mir die Augen und wähne mich im falschen Film. Anfangs hatte ich noch den naiven Glauben, aufklären und diskutieren würde etwa ändern – musste aber schnell die Segel streichen. Im Gegenteil! Resistent gegen jegliche Vernunft und wissenschaftliche Erkenntnisse und überzeugt es besser als alle Virologen und Epidemologen dieser Welt zu wissen, werden Fakten uminterpretiert, als Fake-News verschrien oder jegliche Massnahme der Regierung als persönlichen Angriff auf die individuelle Freiheit, mit dunklen Absichten, interpretiert. Onkel Donalds Krieg gegen die Zivilisation trägt auch bei uns Früchte. Es ist zum Fürchten!

Der Boden unter unseren Füssen schwankt. Es ist Zeit für einen Landgang.

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