Eine Kreuzfahrt in Zeiten der Klimakrise

Geht das (noch)?

NEIN – das geht aus ehtischer Sicht ganz und gar nicht! Nicht, wenn man den Standpunkt vertritt, man könne durch sein persönliches Verhalten den Klimawandel aufhalten. Doch können wir das?

Wir wissen oder könnten wissen, dass Kreuzfahrtschiffe echte Dreckschleudern sind. Nachzulesen z.B hier. Die herumgereichten Zahlen und Vergleiche sind erschreckend. Ein Schiff allein stösst mehr Schadstoffe aus als Millionen von Autos. Man müsste diese Dreckschleudern also alle verschrotten, statt auf ihnen zu verreisen. Ist das wirklich so? Welchen Zahlen und Studien können wir trauen? Dazu mehr hier >>>

Mehr und mehr Städte (Anlaufhäfen), vor allem im Mittelmeer, beklagen sich über die vielen Kreuzfahrtschiffe deren Emissionen und den Massentourismus (Venedig, Mallorca, Barcelona etc. ). Viele Anwohner möchten diese Schiffe am liebsten verbannen. Ist das die Lösung?

Dazu ein paar Gedanken

Können wir uns noch mit gutem Gewissen auf diese Reise freuen oder müssen wir uns dafür schämen, sie sogar stornieren und zu Hause bleiben? Können wir diese vier Monate rund um die Welt noch geniessen, ohne ständig das Gefühl haben zu müssen, wir würden unsere Ideale verraten und die Zukunft unserer Enkel verspielen? Was und wem nützt es, wenn wir uns schämen oder auf die Reise ganz verzichten? Können wir damit das Klima retten?

Wir haben unsere Reise schon vor bald 2 Jahren gebucht. Damals war die Klimadiskussion noch nicht so präsent, wie heute. Das soll keine Entschuldigung sein, zeigt aber wie wir (vermutlich wie die meisten Menschen) ticken. Was nicht an die Öffentlichkeit gezerrt wird, verschwindet unter dem Radar. Nun aber wird darüber öffentlich debattiert und der Klimawandel steht dank #FridayForFuture im Fokus der Öffentlichkeit. Sich den Argumenten der Wissenschaft und Jugend zu entziehen, hiesse also den Klimawandel zu leugnen oder zu relativieren. Beides ist für uns keine Option!

Wir könnten uns hier jetzt zu rechtfertigen versuchen – z.B. damit, dass wir noch vor all denn Diskussionen um die Klimakrise und #FridayForFuture gebucht haben. Das wäre aber gelogen und nicht ganz aufrichtig. Dass wir mit unserer Lebensweise das Klima erwärmen, ist uns schon seit 50 Jahren bekannt. Wir haben es einfach nur verdrängt, es nicht so ernst genommen oder gemeint es würde schon nicht so schlimm. Der Klimawandel fand sozusagen in der Zukunft statt.

Wir könnten uns auch rechtfertigen, dass wir den CO2 Ausstoss kompensieren. Aber auch das ist, teilweise zu Recht, umstritten und wird oft als moderner Ablasshandel kritisiert. Dazu ein Artikel von Solarafrica hier. Das wir es trotzdem tun und die errechneten 24,5 Tonnen CO2 (pro Person) kompensieren, bzw. dafür eine eigene Photovoltaikanlage (spart 17t CO2 p.a) und politisches Engegement (z,B. das Klimablatt unterstützen, ist für uns selbstverständlich.

Hilft ein schlechtes Gewissen?

Wir könnte verzichten und die Anzahlung ans Bein streichen, den jede nicht gemachte Reise (gilt für jede Fortbewegungsart) schont das Klima ganz direkt. 

Wer auf Auto, Flüge oder Kreuzfahrten verzichtet, ändert zwar nichts an der CO2 Gesamtbilanz, gilt aber als Vorbild. Vorbilder haben immer zwei Seiten – das sieht man aktuell ab Greta Thunberg. Sie mobilisieren (was für den politische Veränderungen wichtig ist), aber sie polarisieren auch. Im schlimmsten Fall verhärten sie sogar die Fronten, weil der Lebensstil in Frage gestellt wird. Mit verhärteten Fronten ist die Klimakrise jedoch kaum zu bewältigen. Nur eine weltweite Kooperation bringt uns weiter.

Dass nur Vorbilder mit tadellosem „Umweltleumund“ Kritik üben dürfen, ist eine gefährliche politische Entwicklung. Die Mehrheit der Schiffe (inkl. Tanker und Containerschiffe) fahren weiterhin mit dreckigem Schweröl, die Flüge sind immer noch billiger als Taxifahren und der Hubraum der neu gekauften Autos wird Jahr für Jahr grösser. Wer also freiwillig (bzw. aus Überzeugung) verzichtet, muss sich so rasch beschissen fühlen. Konsequenterweise müsst er ja auch auf Kleider aus China, Schuhe aus Bangladesh, Spielzeug aus Kambodscha und Erdöl aus Saudi Arabien verzichten. In einer globalisierten Marktwirtschaft fast ein Ding der Unmöglichkeit.

Was können wir tun?

Selbstverständlich versuchen wir – und das nicht erst seit der Klimadebatte – so umweltbewusst wie möglich zu leben. Das ist und war für uns immer selbstverständlich und Teil unseres Lebens. Also Wärmepumpe statt Öl, Photovoltaikanlage auf dem Dach, kleineres Auto, weniger fliegen, kein Food-Waste etc. Wir waren aber auch immer Teil dieser Gesellschaft, mit all ihren Zwängen. Als Asketen haben wir uns nie gesehen und sind mitgeschwommen. D.h. also Haus, Auto und Ferien im Ausland.

Ohne unseren Lebensstil um 180 Grad zu drehen (also vegan zu leben, sich von der Welt abnabeln, auf Strom, ein Fahrzeug, Telefon, Kleider von der Stange etc. zu verzichten, werden wir immer noch mehr CO2 produzieren, das dem Klima zuträglich ist (alles über 1 Tonne pro Person und Jahr). Auf das Meiste in unserem Leben haben wir aber kaum Einfluss. Weder auf die Motoren in unseren Autos, auf die Produktion unserer Kleider, die Produktionsweise unserer Lebensmittel, die Art der Energieerzeugung noch die Heizung in unserer Mietwohnung. Individueller Verzicht ist also immer nur Kosmetik und dient wohl primär der Beruhigung des eigenen Gewissens und ist die Entschuldigung der Verantwortungsträger (Politik und Anbieter) für ihr Nichtstun.

Geändert werden muss in erster Linie die Produktionsweise (wie, was, wo), die Mobilität (Menge und Art) , und das Wirtschaftsmodel (Wachstum/Profit). Das Einzige was ich als Konsument und Stimmbürger tun kann, ist Einfluss auf die Politik nehmen, um Änderungen zu erzwingen und zu ermöglichen.

Beispiel Kreuzfahrt-Industrie:

Die Kreuzfahrtindustrie boomt und belastet die Umwelt überdurchschnittlich, v. a. durch die Verwendung von billigem, giftigem Schweröl, welches Stickoxide und Feinstaub in rauhen Mengen ausstösst. Ausserdem belasten die riesigen Schiffe die Luft und Infrastruktur der angefahrenen Häfen (Venedig, Barcelona und weitere Städte versuchen sich dagegen zu wehren). Die Kreuzfahrt ist dabei nur ein kleiner Teil des gesamten Problems. Von denn ca. 50’000 Schiffen auf den Weltmeeren (Cargo, Tanker, Passagiere etc.) sind „nur“ ca. 400 Kreuzfahrtschiffe (weniger als 1%). Und wie überall ist die Verwendung von weniger schädlichen oder CO2-neutralen Treibstoffen (Gas, Wasserstoff, Wind, Elektrizität) auch eine Preisfrage. Als Überganslösung könnte technische Massnahmen (Scrubber/Filter) eingebaut werden – was natürlich kostet. Die IMO, welche solche Vorschriften erlässt oder erlassen kann, ist aber von den grossen Reedereien dominiert und hat wenig Interesse an einem Umbau. Bleiben also noch die Häfen, welche Verbote aussprechen könnten, die Politik, welche Treibstoffe verbieten oder hoch besteuern könnte, per Gesetz Regeln definieren kann und natürlich der öffentliche Druck, dies endlich zu machen! Moralischer Druck, individueller Verzicht oder eine schlechtes Gewissen ändert daran nichts!

1 knappes Prozent aller Hochseeschiffe sind Kreuzfahrtschiffe. Der Rest transportiert vorallem Güter (Container), Lebensmittel und Treibstoffe (Tanker). Wenn wir den Anteil der Schifffahrt an den Gesamtemissionen verringerrn wollen, müssen wir auch die unsinnigen Transporte für Waren aus Übersee drastisch reduzieren. Dies hätte natürlich nachhaltige Konsequenzen auf die Produktion, bzw. Produktionsstandorte. D.h. es müssten massiv Arbeitsplätze verlagert werden und/oder weniger produziert werden. Jeder Fahrt weniger, spart Tausende Tonnen CO2, Stickoxid und Schwefel. Die Kreuzfahrtindustrie ist nur der sichtbarste Teil des Problems und dasjenige, mit welchem man den Konsumenten direkt in die Pflicht nehmen kann. Schlimmstenfalls dient er sogar als Feigenblatt (seht hier, die bösen Kreuzfahrttouristen versauen die Umwelt) und lenken von den eigentlichen Verantwortlichen der Kreuzfahrtindustrie ab.

Kleine Fortschritte (sehr kleine)

Als erster kleiner Fortschritt gibt es ab 2020 neue Vorschriften für den Schwefelanteil im Treibstoff (0,5 statt 3,5%). Das bedeutet, entweder der Verzicht auf Schweröl oder der Einbau von sog. Scrubber (Filter). Viel zuwenig und deshalb müssen wir Passagiere, Kunden und die Öffentlichkeit Druck machen! Neue Schiffe mit sauberen Treibstoffen sind bestenfalls im Bau. Einen Plan dreckige Schiffe zu verbieten oder sie zur Nutzung sauberer Treibstoffe zu zwingen, gibt es (noch) nicht.

FORDERUNGEN an die Politik und Schifffahrtsindustrie:

  1. CO2 Kompensation automatisch in die Preise einrechen
  2. Hohe Lenkungsabgaben (weltweit, z.B. in einen Fond) auf dreckige Treibstoffe.
  3. Ein sofortiges Verbot von Schweröl.
  4. Die Zulassung neuer Schiffe ist an strenge Umweltauflagen (Grenzwerte) gebunden (z.B. Gas, syntetische CO2-neutrale Treibstoffe, Wasserstoff etc. ) *
  5. Beschränkung der Anzahl Schiffe in den Häfen.
  6. Übergangsfristen zur technischen Umrüstung aller Schiffe und Schiffskategorien (max. 5 – 10 Jahre)
  7. Lizenzentzug bei Verstössen und Nicht-EInhaltung der Fristen

Wir werden uns auf jeden Fall für solche und ähnliche Forderungen jetzt und auch in Zukunft einsetzen.

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