Zu Fuss durch die Schweiz

Unser Projekt war es von unserem damaligen (2010) Wohnsitz Buchberg in Schaffhausen, zu Fuss ins Wallis zu unserem Chalet in Bürchen zu wandern. Dieser Plan sah vor, jedes Wochenende eine Etappe zu laufen und diese jeweils eine Woche später fortzusetzen. Ohne konkretere Routenvorstellungen starteten wir unser Wanderprojekt anfangs April (03.04) 2010. Unser erstes Etappenziel: Dielsdorf am Fuss der Lägern im Kanton Zürich

03.04.2010: 1 Etappe von Buchberg (SH) nach Dielsdorf (ZH), Distanz 19,8 km, Dauer 5 Std.
1. Etappe: Buchberg-Dielsdorf 19,8 km, Dauer 5 Std

Der ideale Tag für den Start unseres Wanderprojekts Buchberg-Bürchen. Es ist Samstag morgen und frühlingshaft warm. Wir schnappen unsere Stöcke und laufen wild entschlossen drauflos. Frohen Mutes stapfen wir durch die Rebberge hinunter zum Rhein nach Eglisau. Nach der Brücke geht es erst mal steil bergauf über die Bahngeleise zur Wölflishalde und dann hinunter nach Glattfelden – sozusagen unsere erste Passüberquerung auf unserer Route über die Alpen. Wir queren die Glatt steigen hoch zum Schachen und befinden uns, wie aus dem Nichts auf einem weiten Feld. Häuser sind weit und breit keine zu sehen, auch wenn die Flugzeuge am Himmel, den nahen welche im Flughafen ankünden. Entlang eines Waldes geht es Richtung Neeracher-Ried, dem grössten Vogel- und Natuschutzgebiet im Zürcher Unterland. Dürre Schilfwiesen und entlaubte Bäume säumen den Weg. An einem kleinen Weiher mit Unterstand und Grillstelle machen wir Halt. Wären die dröhnenden Jets nicht, wäre es eine herrliche Idylle. Die restlichen Kilometer bis Dielsdorf sind unspektakulär. Bald erreichen wir das Gewerbegebiet von Dielsdorf. Den Mac Donalds lassen wir links liegen und steigen nach gut 5 Stunden und 20 Kilometern in den Zug nach Oberglatt, zurück nach Buchberg. Der Start ist gelungen und unser Ehrgeiz angestachelt. Noch wissen wir aber nicht, ob wir unser Ziel auch wirklich erreichen und wieviel Zeit wir dafür benötigen. Wir planen Etappe für Etappe.

17.04.2010: 2. Etappe Dielsdorf – Baden (AG), Distanz 12,9 km, Dauer 4 Std.
2. Etappe: Dielsdorf – Baden, 12,9 km, 4 Std.

Zwei Wochen später nehmen wir die nächste Etappe über die Lägern, nach Baden (AG) in Angriff. Auf dieser Etappe werden wir von Stefan und Alisa, unseren guten Freunden, begleitet. Bereits nach wenigen Metern geht es durch die Weinberge steil hinauf nach Regensberg. Bis zur imposanten Burg sind es schon mal 200 Höhenmeter. Zum Glück ist es noch kühl um 10 Uhr vormittags und wir kommen schnell voran. Das mittelalterliche Städtchen ist schon bach gut 30 erreicht. Die Aussicht ist durch einen dünnen Nebelschleier im Tal getrübt. Trotzdem ist die Aussicht auf den Flughafen und das Zürcher Unterland grandios. Weiter geht es sanft bergan durch einen lichten laublosen Wald, hinauf zur Hochwacht auf 853 müM. Im dortige Restaurant kehren wir ein und genehmigen uns einen Schluck Möhl-Saft. Schlisslich wartet auf uns der berüchtige Lägerngrat. Wir lassen noch eine Wandergruppe passieren und machen uns auf den Weg. Voller Übermut und trotz Warnhinweis, wählen wir den Weg über den Grat und lassen die Weg zu seinem Fuss schnöde links liegen. Zum Glück ist es sonnig und trocken. Der Weg entpuppt sich tatsächlich als sehr schmal, ausgesetzt und schwierig. Er ist oft kaum einen Fuss breit und die schiefen Kalkfelsen fallen beidseitig steil hinab. Halt findet man keinen. Entsprechend vorsichtig sind wir. Nach 2 Stunden vortasten und tief Luft holen ist der Grat geschafft. Es geht hinunter zum Schratenfels oberhalb Ennetbaden, wo wir uns ein Bierchen genehmigen. Bevor wir den Bahnhof Baden erreichen, geht es nochmals steil hinunter. Nach über 5 Stunden hocken wir einigermassen erschöpft im Zug, zurück nach Dielsdorf.

25.04.2010: 3. Etappe Baden – Künten (AG), Distanz 19,7 km, Dauer 5 1/4 Std.
3. Etappe: Baden-Künten, 19,7 km, 5 1/4 Std.

Wir kommen besser voran als erwartet. Heute starten wir zu unserer 3. Etappe. Ausgangspunkt ist unser Ziel von letzter Woche: Baden. Ziel: So weit uns die Füsse tragen. Aber est gilt es den Weg aus der Stadt zu finden. Gar nicht so einfach ohne Karte. (Ja ja, das Handy, ich weiss – blieb zu Hause liegen). So versteigen wir uns erstmal und wir stehen unvermittelt vor einer Lärmschutzwand der A1 – also umkehren. Baden liegt eingeklemmt in einer engen Talsenke der Limmat. Der Fluss fliesst durchs Zentrum und die A1 zwischen Zürich und Bern zwängt sich von Neuenhof entlang eines Industriequartiers und verschwindet dann im Bareggtunnel. Die Hauptausfallstrasse nach Fislisbach ist kein wirklich schöner Wanderweg und so suchten wir einen Weg über Baldegg nach Birmenstorf, wo wir auf die Reuss treffen wollen. Dem wollen wir dann bis Luzern folgen. Leichter gesagt, als getan. Erst heisst es mal Höhe gewinnen. Es geht durch ein Wohnquartier, hinauf auf die Baldegg. Die Aussicht auf das Reusstal und zurück zu den Lägern, entschädigt uns für den schweisstreibenden Anstieg allemal. Ein immer lauter werdendes Rauschen begleitet uns jetzt beim Abstieg. Die Autobahn teilt hier die Landschaft in zwei Hälften. Wie ein grosser Fluss zwängt sie sich zwischen Wälder, Häuser und Wiesen. Die wenigen Brücken darüber müssen erst gesucht und gefunden werden. Zum Glück befinden wir uns auf eine Anhöhe und haben so einen Überblick. Ohne Karte ist man auf gute Sicht angewiesen. Bald stehen wir auf einer solchen und erreichen damit auch die Reuss, die hier von Luzern Richtung Limmat und Aare fliesst – ein stattlicher Fluss, so kurz vor ihrem Ziel, dem Wasserschloss bei Turgi. Mal in dichten Auenwäldern, mal neben grasenden Kühen, durch schmucke Städtchen (Melligen) geht es rauf und runter, entlang des Ufers. Sollen wir in Melligen die Etappe beenden oder weiter bis Künten laufen, wo mein Bruder einen Wohnwagen stehen hat?Wir sitzen auf einer Bank und wägen ab. Trotz müder Füsse, entscheiden wir uns für Künten. Es geht weiter entlang des Voralpenflusses, der mal wilde Wellen wirft und mal ruhig in der Sonne glänzt. Offenbar ist schon Schneeschmelze – der Wasserstand ist hoch und an manchen Stellen fliesst das Wasser über den Uferpfad. Der Weg scheint endlos und anstrengender als gedacht. Es geht Böschung rauf und Böschung runter. Doch unvermittelt, direkt an einem Waldrand gelegen, errecihen wir um vier Uhr nachmittags den Campingplatz in Künten. Hier wartet mein Bruder Roland und seine Frau Petra, mit einem kühlen Bierchen, bei ihrem Wohnwagen. Ein ziemlich langer Tippel findet damit ein feucht-fröhliches Ende.

06.06.2010: 4. Etappe Künten – Jonen (AG), Distanz 16,3 km, 4 Stunden
4. Etappe: Künten – Jonen (AG), 16,3 km, 4 Std

Nach über einem Monat geht es endlich weiter. Im Mai haben wir eine Konferenz in San Francisco genutzt, um noch zwei Wochen Nationalparks anzuhängen. Es ging von Frisco, über den Yosemite Nationalpark, das Death Valley, Lass Vegas, Zion Nationalpark, durch Utah in den Tenton und den Yellowstone Nationalpark bis hinauf nach Seattle, in einem PW, zusammen mit Bekannten aus Bern. Darüber schreibe ich ein ander mal. Dazu hier nur so viel: Der Westen Amerikas ist fantastisch.

In aller Hergottsfrühe fahren wir mit dem Auto nach Künten. Es ist für die Jahreszeit schon sehr warm, um nicht zu sagen, heiss und wir wollen die frühen Morgenstunden nutzen. So stehen wir bereits morgens um sechs auf dem Dorfplatz in Künten. Flotten Schrittes geht es über die Felder hinunter zur Reuss. Unser Tageszeil: mal sehen, wie weit wir kommen. Im Schatten der Uferbäume nähern wir uns Bremgarten, mit einer pittoresken Altstadt in einer Flussschleife. Wir queren das Städtchen, welches an einem Sonntagmorgen, um diese Zeit noch schläft. Unsere Schritte hallen auf dem Kopfsteinplaster und wir befürchten, die schlafenden Bewohner damit aufzuwecken. Zu unserer grossen Überraschung erreichen wir durch ein kleines Wäldchen am Stadtrand unvermittedlt ein herrliches Naturschutzgebiet – der Flachsee. Dieser entstand durch ein Stauwehr in Bremgarten. Der flache See ist ein Tummelplatz für Vögel, die in den Weiden und dem Schilfgürtel brüten. Weiter geht es immer dem Flussufer entlang. Im jetzt flachen Gelände hat es immer wieder Moore und kleine Tümpel. Die Dörfer des „Reusstals“ schmiegen sich an die Hänge, links und rechts des Flusses. Am Fluss selbst, ist man allein und fern der lauten Zivilisation und dem Verkehr. Um 9 Uhr wird es zunehmend wäremer und schwüler und so beenden wir nach einem kurzen Aufstieg unsere Etappe in Jonen.

26.06.2010: 5. Etappe Jonen – Sins (AG), Distanz 18,9 km, 4,5 Stunden

Es geht vorwärts. Weil jetzt die Temperaturen von Woche zu Woche steigen, gehen wir für jede Etappe früher los. Diesmal sind wir bereits um fünf Uhr aufgestanden um möglichst früh in Jonen starten zu können. Die 5. Etappe führt weiter entlang der Reuss, Richtung Zentralschweiz. Am Horizont zeichnen sich im Morgenblau Pilatus und Rigi ab. Es geht durch eine Auenlandschaft mit grossen Trauerweiden und teils abgestorbenen Bäumen. Bereits gegen sieben Uhr früh wird es heiss und wir kommen trotz flachem Gelände ins schwitzen. Heute hat das Hochwasser im Fluss deutlich nachgelassen und er fliesst friedlich talwärts. Die zahlreichen Wasservögel geniessen diese Ruhe ebenfalls und füttern ihre Brut im Schilfgürtel am Ufer. Die Stimmung ist friedlich. Keine anderen Menschen, keine AUtos, keine grösseren Strassen. Die Dörfer sind weit weg und lassen den Fluss in Ruhe seine Bahn ziehen.

Gegen neun Uhr wird es unerträglich heiss. Die Sonne brennt uns aufs Fell und das Laufen wird zunehmend ungemütlicher. Wir beschliessen den nächsten Bahnhof anzulaufen. Aber wo ist der. Kein Haus ist zu sehen – ausser ein Kirchturm in der Ferne, auf der anderen Flussseite. Jetzt gilt es also eine Brücke zu finden. Zum Schwimmen haben wir, trotz der hohem Temperaturen keine Lust. Und wir haben Glück. Nach kaum 2 Kilometern überquert eine geraniengeschmückte Holzbrücke den Fluss. Auf der anderen Seite liegt Sins. Verschwitz und durstig erreichen wir den verschlafenen Bahnhof um halb zehn.

05.09.2010: 6. Etappe Sins – Gisikon-Root (LU), Distanz 9,5 km, 2, 5 Stunden

Endlich. Die Sommerhitze ist vorbei und es maht wieder Spass zu wandern (zumindest im Unterland). Aber wir wollen es nicht überstürzen und wählen eine kurze Tour. Es geht von Sins, entlang der Reuss nach Gisikon-Root.

Wir fahren mit dem Auto nach Sins und starten früh um sieben. Erst geht es durch wiesen und Felder, dann durch einen kühlenden Auenwald. Rechterhand sieht man Hünenberg – wir sind also bereits im Kanton Zug – der vierte auf unserer Wanderung. Noch ist es ruhig und friedlich. In der Ferne sehen wir die Autobahnbrücke der A14 (Zürich – Luzern), welche hier in einem eleganten Bogen die Reuss überquert. Rechts davon liegt Rotkreuz (ZG). Die Bürokomplexe des aufstrebenden Dienstleistungszentrums sind unübersehbar. Wir nähern uns der Zivilisation – es wird laut. Wir unterqueren die Brücke, auf der es rauscht als wäre es ein tosender Wasserfall. Die SBB sucht sich hier ebenfalls einen Weg durchs Reusstal und donnert mit ihren Zügen rechts an uns vorbei. Entspanntes Wandern geht anders.

Wir haben genug vom Lärm und halten direkt auf den Bahnhof Gisikon-Root zu. Für heute reicht es uns – ausserdem steigen auch bereits die Temperaturen. Bis Luzern fehlt uns noch eine Tagesetappe. Diese palnen wir für nächste Woche.

17.04.2011: 7. Gisikon-Root – Luzern, Distanz 15,8 km, 3,5 Stunden

Und erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Aus einer Woche wurde ein halbes Jahr. Dafür war ich in der Zwischenzeit im Himalaya auf Yetis Spuren. Spontan und ohne Planung flog ich, zusammen mit meinem Freund Stefan, nach Katmandu mit dem vagen Ziel: Everst Base Camp. Mein Einwand, es wäre doch Winter, liess Stefan nicht gelten und meinte, lokale Guides würden da sicher Trekkings veranstalten und ausserdem wäre das Wetter im Winter am besten. Und so war es auch. Den Reisebericht findet ihr später hier verlinkt.

Jetzt aber im April 2011 setzen wir unsere Fernwanderung zu unserem Ferienhaus im Wallis fort. Heutiges Ziel ist Luzern.

Dass wir uns in einer städtichen Agglomeration befinden, merken wir sofort. Keine 200 Meter vom Bahnhof Gisikon verläuft die A14 entlang der Reuss. Es ist ein Mordskrach. Ein Stück folgen wir der vorgesehenen Route, müssen uns aber fast anbrüllen, wenn wir miteinenader reden wollen. Auch wenn man nah am Flussufer meint, man wäre draussen in der freien Natur, macht wandern bei diesem Höllenkrach keine Freude. Bei Buchrain steigen wir deshalb hoch auf den Hundsrüggen und sind bald in einem dunklen, friedlichen Wald. Kaum zu glauben, dass wir uns einer Stadt nähern und sich unten in der Talsohle, Autos stauen. Es ist eine andere Welt. Wie aus dem Nichts stehen wir bald über dem Rootsee – wo regelmässig Regats durchgeführt werden. Vis a vis am Hang die Ausläufer der Stadt Luzern. Auf einer Bank über dem See geniessen wir die friedliche Stimmung, bevor es ins Getümmel der Stadt geht. Nach rund einem Kilometer Quartierstrassen haben wir aber genug und nehmen den nächsten Bus an den Bahnhof. Das erste mal, dass wir uns untreu werden – man möge uns verstehen.

13.04.2013: 8. Luzern (Alpnachstad) – Sarnen (OW), Distanz 21,6 km (davon 11 km auf Wasser), 2,5 Stunden

Planung heisst Irrtum. So auch unser Vorhaben im Wochenrhythmus eine Etappe quer durch die Schweiz zurück zu legen. Aus einer Woche wurden zwei Jahre. Zwei ereignisreiche Jahre, die unser Vorhaben ausgebremst haben. Nebst vielen beruflichen Herausforderungen (Firma fusioniert, Mobbing, neuer Chef etc.) sind wir aber vor allem gereist. 2011 gleich 3 mal. Im Mai Amerika (Westen), dann Montenegro mit Alisa und Stefan und im Juni, zusammen mit Ursis Brüdern und Schwägerinnen, mit der Costa Pacifica auf die Spitzbergen. 2012 dann noch New York und im Herbst Venedig. Ein vollgestopftes Programm also, mit wenig Lust auf noch mehr.

Aber wir haben unseren Plan nicht aufgegeben und wollen unseren Trip heute fortsetzen. Ziel: Sarnen. Nach langen Diskussionen haben wir uns für den Weg über den Brünig und die Grimsel ins Wallis entschieden – die sog. Via Sprinz. Aus den Erfahrungen der letzten Etappe verzichten wir auf die Durchquerung der Stadt Luzern zu Fuss. Wir starten in Alpnach und holen den Weg dorthin mit dem Kursschiff nach. Direkt am See liegt der Bahnhof, neben der Talstation der Pilatusbahn. Dieser hat uns seit der vierten Etappe den Weg gewiesen und nun stehen wir an seinem Fuss. Wir wenden uns aber ab und wenden uns dem Ufer des Vierwaldstättersees zu. Es ist früher Frühling und die ersten Bäume im Blust. Um diese Jahreszeit ist es noch ruhig – es ist menschenleer. Über dem alten Militärflugplatz zur rechten Seite liegt noch ein leichter Dunst. Aus einem Hangar werden kleine Motorflugzeuge geschoben. Diese werden wohl bald in die Luft steigen – dann ist es aus mit der Ruhe. Gegenüber – also in unserer Front erhebt sich fast senkrecht der Hinterbergwald aus dem Vierwaldstättersee. Wir laufen an dessen Fuss entlang der Sarneraa zum Wichelsee – einem kleinen Naturschutzgebiet im Schatten der A8, welche hier zum Brünig führt. Die Wasservögel haben Balzzeit und umwerben sich mit ihrem Geschnatter und farbigen Gefieder. Andere Wanderer stören uns nicht und so geniessen wir das Schauspiel auf einer der vielen Parkbänke entlang des Wanderwegs. Zum Start haben wir eine kurze Route gewählt und können darum schon nach rund 2,5 Stunden die alten Patrizierhäuser Sarnens bestaunen. In diesen hat sich die Reisläuferei materialisiert. Die Opfer liegen in Marignano. Der Neustart ist gelungen. Nächste Woche geht es (hoffentlich) weiter.

30.06.2013: 9. Sarnen – Giswil, Distanz 9,8 km, 2,5 Stunden

Aus einer Woche wurden 14. Aber wir lassen nicht locker und marschieren weiter. Heute von Sarnen, entlang des des Sarnersees nach Giswil. Wieder eine Kurzetappe, flach und leicht – wir sind noch aus der Übung. Sarnen ist überschaubar und so gehen wir die paar Schritte vom Bahnhof ebenfalls zu Fuss. Es ist schon frühmorgens um acht warm und drückend. Nicht umbedingt ideales Wanderwetter – aber wir haben uns entschieden – also laufen wir los.

Bald erreichen wir einen grossen Zeltplatz. Wären wir Camper, wäre dieser sicher eine Option. Nah an der Stadt, auf einer kleinen Halbinsel mit viel Natur ringsum. Der Wanderweg verläuft immer nah am Strand des Sarnersees. Links die Bahnlinie auf den Brünig, rechts Wasser. Die Hitze wird durch eine leichte Brise vom Brünig her eabgemildert. Dieser Pass ins Berner Oberland haben wir im Auge. Er ist zum Glück nicht wirklich hoch (1008 m) und ist quasi Vorgeschmackt und Training für das Piece de resistance über den Grimsel. Hier ist es aber noch falch und daas Tal offen aber auch schon ziemlich verbaut. Erst nach Sachseln und Edisried lichten sich die Häuserreihen zur linken Seite. Zum Glück verläuft die A8 hier unterirdisch. Der Lärm wäre sonst wohl höllisch, die Brünigbahn ist Lärm genug. Giswil ist schnell im Blick, aber nur über Unterführungen, Bahnüberführungen und Umwege zu erreichen. Verkehr kostet Platz und verbaut die Wege für den Langsamverkehr, wie Fussgänger und Velo – auch hier in einem vermeintlich dünn besiedelten Bergkanton. Trotz den Hindernissen – das Tal wirkt friedlich, der See glitzert an der Sonne und die grünen Wiesen an den Berghängen bilden einen schönen Kontrast. Um 11 Uhr ist die Etappe beendet und wir fahren mit der Brünigbahn zurück an den Ausgangspunkt. Wann starten wir wohl zur nächsten Etappe?

03.08.2013: 10. Giswil – Lungern, Distanz 7,3 km, 2 Stunden

Es geht weiter – und das (überraschenderweise) nach nur schon fünf Wochen. Trotz Schwüle schon in den frühen Morgenstunden, machen wir uns heute an die 10te Etappe. Wir nehmen die ersten „Alpenetappe“ unter die Füsse – es geht bergauf, Richtung Brünig, den ersten Alpenpass. Heutiges Ziel (bescheiden wie wir sind) ist Lungern. Immerhin 300 Meter höher als Giswil – das reicht für den Anfang und das heisse Augustwetter.

Und tatsächlich. Die ersten anderthalb Kilometer geht es noch geradeaus – mehr oder weniger entlang der Brünigbahn. Trotzdem kommen wir schon ins schwitzen – es hat hier kaum Bäume. Bald erreichen wir aber den Wald und es geht stetig aufwärts. Erst sanft, dann immer steiler. Auf der gegenüberliegenden Talseite ist es wesentlich schroffer. Schwarze Felswände zeichnen sich ab. Seit Baden ging es auf offenen Flächen, mehr oder weniger geradeaus, jetzt sind wir mit einem mal mitten in den Alpen. Ab Luzern säumten Voralpengipfel den Weg – der Weg aber immer noch flach, im Tal und plötzlich schroffe Felswände. Jene über uns, mehr zu erahnen als zu sehen. Es geht über Waldlichtungen mit Heuschobern entlang der Schienen bis hinauf nach Kaiserstuhl – einem wunderbaren Aussichtpunkt mit Blick auf die 4000er der Berneralpen, hinunter auf den Sarnersee, am Lungerersee gelegen. Das Ausflugrestaurant an der Brünigstrasse hat um diese Uhrzeit noch geschlossen und so steigen wir weiter aufwärts – es geht übe eine kleine Kuppe hoch über den Lungerersee. Dieser liegt noch friedlich im Halbschatten. Sattt grüne Wiesen, Felswände und dunkle Wälder säumen ihn. Hier oben ist vom Verkehrslärm, unten auf der Hauptverbdindungsstrasse ins Berner Oberland, nicht zu hören. Einzig ein paar grasende Kühe mampfen still vor sich hin – lassen sich von uns aber nicht stören. Bereits sieht man Lungern am andern Ende des Sees. Im kleinen Restaurant am Bahnhof gibt es Kaffee und Gipfeli. Im Westen türmen sich bereits die ersten Gewitterwolken. Eine Kaltfront nähert sich. Mit der Brünigbahn geht es zurück nach Giswil.

Ab hier müssen wir unsere Wanderung anders planen. Die Anfahrt wird immer länger. das heisst: Ab hier gibt es Mehrtagesetappen mit Übernachtungen in Hotels. Wir planen die Überquerung des Brünigs für den nächsten Juni.

23.07.2016: 11. Lungern – Meiringen (BE), Distanz 10,6 km, 3,5 Std

Was wir auf aus unserem Vorhaben lernen: Planung ist der erste Schritt zum Irrtum. Aus einem sind drei Jahre geworden. Drei sehr ereignisreiche.

2014 zog es uns nach China und ins Tibet. Eine unvergessliche Reise (ihr findet sie später in diesem Blog) und unsere Schweizdurchquerung musste warten. 2015 ein Jahr des Umbruchs. Neue Stelle, Umzug nach Schaffhausen und später nach Ramsen in unser neues Haus. Wanderrn stand nicht auf der Agenda. Und jetzt 2016 planen wir zusammen mit meinem Bruder die Besteigung des Kilimandjaro in Tansania. Dafür müssen wir trainieren. Warum nicht auch mit unserer nächsten Etappe über den Brünig.

So geht es also heute, am 23. Juli 2016 , zusammen mit Roland und Petra, los in Lungern, hinauf zum Brünig und hinunter nach Meiringen. Im Vergleich zum Kili zwar bescheiden (dort werden es in 5 Tagen 4000 Höhenmeter sein), aber man soll ja klein anfangen.

Die letzten Häuser Lungerns haben wir schnell hinter uns. Um diese Uhrzeit lieget der Weg noch im Bergschatten des „Gibel“, an dessen Flanke wir hochsteigen. Der kühlende Wald ist schnell erreicht. Auch hier wandern wir mehr oder weniger entlang der Brünigbahn, die Luzern mit Interlaken verbindet. Die Passstrasse meiden wir, so gut es geht. Mal befinden wir uns oberhalb, dann wieder unterhalb des Bahntrassees. In einer idyllischen Waldlichtung, fernab der lärmigen Passstrasse (die ersten „Töffrennen“ finden bereits statt) machen wir die erste kleine Rast. Die Passhöhe erreichen wir bereits nach einer guten Stunde. Hier gibt es Frühstück im Restaurant, bevor es weiter geht, Richtung Meiringen und Berner Oberland. Der Wanderweg führt aber überraschenderweise erste mal weiter in die Höhe, bevor es hoch über den Felswänden des Haslitals, hinunter nach Meiringen geht. Auf rund 1250 m haben wir den Scheitepunkt erreicht und es geht abwärts. Es geht durch dichten Tannenwald, Alpwiesen, entlang senkrechter Felswände. Trotz Hochsommer ist es angenehm kühl. Nach 2 Stunden sehen wir unten im Talboden Meiringen und den Militärflugplatz. Allerding freuen wir uns zu früh. Der Weg zieht sich dahin und wird dann plötzlich steil und rutschig. Der Untergrund ist feucht und wir müssen höllisch aufpassen, das wir nicht den Halt verlieren. Nach knapp vier Stunden haben wir es geschafft und beziehen unser Zimmer in einem billigen Hotel, welches sich als Unterkunft für Asylbewerber entpuppt. Aber egal – wir sind glücklich, es ohne Beinbrüche geschafft zu haben. Dafür habe ich Blasen an den Füssen – meine neuen Wanderschuhe war wohl eine Fehlinvestition. Morgen kaufe ich Neue – in Meiringen sind die Läden auch Sonntags offen.

24.07.2016: 12. Meiringen – Innertkirchen (Aareschlucht), Distanz 5 km, 1,25 Std

Nach einer kurzen Nacht geht es heute früh gleich weiter, durch die berühmte Aareschlucht. Zwar kennen wir diese schon aus früheren Besuchen, doch wollen wir uns diese Gelegenheit nicht nehmen lassen und diese heute nochmals bewundern.

Am Eingang zur Schlucht – diese kostet 9 Franken Eintritt pro Person – erwartet uns eine bunte Mischung aus Amerikanern, Indern, Arabern und andernen Besuchern Interlakens (so vermute ich mal, da sich Touristen sonst kaum schon so früh an diesen Ort verirren). Trotzdem hat es wenige Besucher und wir können das Naturwunder in aller Ruhe geniessen. An der engsten Stelle kann man die gegenüberliegende Felswand fast berühren – unten tost das Wasser der Aare Richtung Brienzersee und von oben tropft es auf die Köpfe. Die Holzplanken des schmalen Steges sind feucht. Die Schlucht liegt zu 90% im Schatten. Nur ein schmaler Streifen Himmel ist zu sehen. Dort – über 100 Meter über uns werden Bäume und Sträucher von der Sonne beschienen. Viel zu schnell haben wir das Ende des tiefen Grabens erreicht uns sehen vor uns Innertkirchen, welches sich hier hinter dem Talriegel versteckt, durch welchen sich die Aare zwängt. Eine schöne gemütliche Sightseeing-Tour, ohne besondere Anstrengung. Mehr für die Sinne, als die Kondition. Die Überquerung derr Grimsel ab Innerkirchen ist für nächstes Jahr geplant. Vorerst geht es nach Afrika.

07.07.2019: 13. Innertkirchen – Guttannen, Distanz 11,6 km, 4 Std

Und schon wieder wurde aus einem, drei Jahre. Neun Jahre nach dem Start geht es endlich an die Königsetappe, über die Grimsel. Unser Motto: Nur das Ziel nie aus den Augen velassen, motiviert uns, weiter zu machen. Dieses Piece de resistance wollen wir noch schaffen, bevor wir alt und grau werden – denn mitterweile sind wir tatsächlich pensioniert.

Sportliche Wanderer machen die Grimsel in zwei, wir planen 4 Tage. Der Genuss steht im Vordergrund. Diesmal nehmen wir Käti unser „Wandervogel“, welche die Schweiz wahrscheinlich schon mehrfach er- und durchwandert hat, mit. Nebst Begleitung, ist sie uns auch Motivation. Wir reisen, wie üblich mit der Bahn an. Treffpunkt ist 10 Uhr am Bahnhof Innertkirchen.

Hätten wir unser Basislager – das Hotel Bären in Guttannen – nicht schon lange vorher gebucht, wären wir heute wahrscheinlich zu Hause geblieben. Seit Tage ist es nass und gewitterig und auch heute hängen dicke Wolken über dem Haslital. Die Wetterprogrnosen für die nächsten Tage ist auch nicht vielversprechend. Unbeständig mit Regenschauern und Gewittern. Was solls – wir starten.

Und tatsächlich. Kurz nach Überquerung der Bahngeleise auf die gegnüberliegende Talseite, betreten wir auf einen nassen, steilen Bergpfad, der sich durch die hohen Tannen zwängt. Es ist unerwartet steil und wir sind schon nach kurzer Zeit ausser Atem. Wir bewegen uns weg von der Passstrasse Richtung Unterstock – einer kleinen abgelegenen Siedlung über dem Tal. Zum Glück ist der Anstieg auf dem durchnässten Untergrund nach rund 3/4 Stunden zu Ende und wir stehen auf einer Lichtung mit mehreren Häusern. Dafür regnet es jetzt und wir suchen Schutz unter einem ausladenen Vordach. Der kurze Schauer ist bald vorüber und wir erreichen eine Art Passübergang – angeschrieben mit „Passo de Soleggo“ – unsere Freunde zu Hause können sich über unser WhatsApp den Kopf darüber zerbrechen, wo wir sind. „Tessin“ ist die häufigste Antwort – ich hätte auch so getippt.

Ab hier soll es durch einen Wald hinein ins Tal gehen. Wir kommen allerdings nicht sehr weit. Als wir uns auf einer Bank ausruhen und unser Sandwich verdrücken kreuzt uns ein Paar. Kaum 5 Minuten später kommen die Beiden zurück. Sie sind unüberhörbar Deutsche und fragen uns wohin es gehen soll – das Goms – verkünden wir stolz, bzw. bis Guttannen heute. Sie informieren uns, dass der Weg weiter vorn mit einer riesigen Holzbeige versperrt ist und ein Durchkommen unmöglich sein. Wir gucken uns blöd an….so eine Sch***. Sie beiten uns an das Wegstück zu umfahren. Sie hätten vorn in Unterstock ein Ferienhaus und möchten ebenfalls nach Guttannen. Bei Bodmen – etwa auf halber Strecke – könnten wir wieder eisteigen. Dankbar nehmen wir das Angebot an. Und so chauffieren uns Stefie und Thomas nach Bodmen – erst hinunter ins Tal auf die Passstrasse und dann ins Tal bis zur kleinen Siedlung ein paar Kilometer vor Guttannen. Dort geht es auf die andere Talseite auf einen Forstweg. Hier weitet sich das sonst enge Tal etwas und grüne Wiesen breiten sich aus. Zu fünft halten wir auf unser Basislager zu, welches wir trotz drohenden Wolken, trocken erreichen.

Stefie und Thomas verabschieden sich, wollen aber später zum Nachtessen nochmals zu uns stossen. Wir beziehen unser Zimmer, welche wir für drei Nächte reserviert haben. Das Hotel ist im altehrwürdigen Bernerstil, mit grossem Walmdach, ganz in Holz gebaut. Wir fühlen uns auf Anhieb wohl. Trotz drohendem Gewitter können wir zusammen auf der Gartenterrasse essen. Mit Stefanie und Thomas wollen wir in Kontakt bleiben – mal sehen was sich aus dieser Begegnung ergibt. Der Start zur Alpenüberquerung ist gelungen.

08.07.2019: 14. Guttannen – Chöenzentennlen (1600 m), Distanz 9, 2 km, 3,25 Std.

Heute starten wir zur ersten wirklichen Bergetappe. Es geht 600 Meter aufwärts, bis Chöenzentennlen an der Grimselpassstrasse, etwa 1 Kilometer unterhalb der Staumauer des Rätrichsbodensee. Einer von mehreren Stauseen der Oberaarwerke. Bis Handegg, der Zentrale des Kraftwerkes, geht es entlang der Passstrasse. Nicht auf ihr – das wäre nur bedingt lustig – aber in Hör- und Sichtweite. Da wir schon früh starten – Frühstück um 7 – hat es noch nicht viel Verkehr. Auch der Grimsel ist bekannt für seine „Töffrennen“ und wir haben wenig Lust auf den Lärm dieser Boliden.

Der Wanderweg folgt hier dem alten Säumerweg über die Grimsel. Im Mittelalter war dies eine viel begangene Handelsroute nach Italien (Bern – Mailand), via Griesspass und Domodossola. Der Weg ist trotz der wilden Umgebung, entsprechend breit und gut ausgebaut. Es führen sogar kleine Steinbrücken über die hier noch schmale, wilde Aare. Das Tal verengt sich hier und wir stehen nach rund 2 Stunden vor der Steilstufe der Handegg. Hier steht die Kraftwerkszentrale, sowie einige Hotels. Ebenso die Talstation der Gelmerbahn – der steilsten Standseilbahn der Welt, wie es heisst. Wir lassen die Häuser aber links liegen und sind froh, dass wir ein Flachstück erreichen, dass sich Richtung Pass zieht. Obwohl sich hier riesige Kraftwerkanlagen und mehrere Staumauern befinden, sit hier davon noch nichts zu sehen. So geniessen wir den Weg durch die felsige Landschaft, die hier Wiesen und Wäldern den Platz streitig macht. Links und rechts erheben sich fast senkrechte Granitwände empor. Hoch über uns – aber nicht sichtbar – muss der höchste Berner seine Haupt erheben – das Finstteraarhorn. Unglücklicherweise entpuppt sich die Wetterprognose als korrekt – der Himmel verdunkelt sich bald und wir befürchten nass zu werden. Wir erreichen die Postautohaltestelle an der Passstrasse noch trocken. Pünktlich beim einsteigen, beginnt es zu regnen. Das ist Timing.

09.07.2019: 15. Chöenzentennlen – Grimsel-Passhöhe (2164 müM, Distanz 8,1 km, 2,75 Std.

Heute geht es zum Scheitelpunkt unserer Tour – auf den Grimselpass auf 2164 Meter. Auch heute ist die Wetterprognose nicht beschrauschend und wir befinden uns quasi in der Waschküche der Schweiz. Bei Westwindlagen, wie heute, ist Regen garantiert. Beim Aufstehen um sechs, ist der Himmel noch klar. Wir nehmen den ersten Postautokurs über den Pass und stehen schon vor 10 Uhr am Ausgangspunkt – dem Chönzentennlein. Es stehen weitere steile 600 Hohenmeter vor uns. Wir befinden uns hier in wildem, felsigem Gelände. Vor uns die Staumauer des Rätrichboden – der untersten Staustufe der mehrstufigen Grimselwerke. Hier wird Strom in rauen Mengen produziert. Die Staumauern wurden in den 20iger und 30iger Jahren erstellt und sind schon in die Jahre gekommen. Seit drei Wochen wird an einer neuen Mauer gebaut – die Baufahrzeuge und Installationen sehen wir schon von weitem.

Die Krone des Stauwehrs ist schnell erreicht. Ein komisches Gefühl, direkt am Fuss eines solchen Stausees mit Millionen Tonnen Wasser, zu stehen – hoffen wir, dass das alte Gemäuer hält. Die Baustelle zwingt uns zu Umwegen und eine romantische Bergwanderung sieht definitiv anders aus. Oben angekommen dann die nächste Überraschung. Wegen Sprengarbeiten für die neue Mauer ist der Wanderweg entlang der Bergflanke – abseits der Passstrasse – gesperrt. Es bleibt nur der Weg entlang der Passstrasse, bis ans Ende des Sees. Käti und Ursi haben wenig Lust auf den Lärm und Teerstasse und beschliessen auf den Postbus zu warten, der hier in rund 1,5 Std. vorbeikommt. Ich gehe allein weiter. Tatsächlich sind die nächsten zwei Kilometer kein Vergnügen. Um diese Tageszeit, mitten im Hochsommer ist der Grimsel beliebtes Ziel für Töfffahrer und so dröhnt eine Maschine an der andern an mir vorbei. Da die Steigung mässig oder gar flach ist, komme ich schnell voran. Bald stehe ich unter der obern Staufstufe. Ab hier wird es wirklich steil. Mehrmals quere ich beim Aufstieg über die Felsen die Passtrasse, die sich hier hochwindet. Der Blick zurück auf die Haarnadelkurven des Grimselpasses und den Rätrichbodensee, ist grandios. Ich muss mich aber beeilen – über mir braut sich was zusammen. Schwere graue Wolken schieben sich vom Wallis über den Pass und verdunkeln die Sonne. Ich errreiche das Hospiz gerade rechtzeitig. Kaum sitze ich bei einem Kafi Fertig auf der Terrasse des Restaurants, schiebt sich eine Nebelwand über den Pass. Im Totesee auf dem Grimselplateau schwimmen noch Eisrest. Mit dem Nebel wirkt die Szenerie gespenstisch und man könnte meinen man befinde sich auf den Spitzbergen. Ich geniesse die mystische Stimmung. Schon 30 Minuten später taucht auch schon das Postauto mit Käti und Ursi auf. Eine Stunde später – jetzt regnet es bereits in Strömen – geht es zurück nach Guttannen. Morgen geht es hinunter ins Wallis.

10.07.2019: 16. Grimsel-Passhöhe – Obergesteln (VS), Distanz 9 km, 3 Std.

Heute verspricht Meteo Schweiz ungetrübten Sonnenschein und wir haben eine gemütliche Tour, hinunter ins Goms vor uns. Mit dem ersten Postauto fahren wir hoch zur Passhöhe und starten schon vor zehn zu unserer letzten Etappe dieses Jahres. Den Rest unserer Schweizdurchquerung haben wir uns für 2020 vorgenommen.

Zwar empfangen uns auf der Passhöhe noch Nebelschwaden, die sich über die Hochebene schieben. Umso verklärter die Sicht auf den zum Teil noch gefrohrenen Totesee, der hier auf der Passhöhe liegt. Man könnte meinen wir wären irgendwo in der Arktis. Die Szenerie von gestern scheint sich zu wiederholen und gibt mir Gelegenheit für viele Bilder. Da es letzten Winter offensichtlich viel Schnee hatte hier oben, geht es erstmal über grosse Schneefelder. Zum Glück sind diese um diese Zeit noch fest, so dass wir nicht einsinken. Zusammen mit dem Nebel bietet sich ein unwirkliches Bild, dass uns aber in ein e euphorische Stimmung versetzt.

Bei rund 2300 müM haben wir den höchsten Punkt unserer Wanderung erreicht. Und wie um das zu feiern, reisst die Nebelwand auf und gibt den Blick ins Goms frei. Ab hier geht es nur noch abwärts. Der Weg ist gut markiert und breit – es ist ja ein alter Säumerweg und schon bald sind wir an der Baumgrenze, die hier im hinteren Teil des Obergoms noch unter 2000 Metern liegt. Der Himmel ist wolkenlos und die Sicht, dank des Regens der letzten Tage klar. In der Ferne machen wir das Weisshorn und den Mischabel aus. Die weissen Riesen thronen über dem dunklen Tal und strahlen uns an. Unten im Goms sind bereits die ersten Siedlungen auszumachen. Auf der anderen Talseite erkennen wir die Passstrasse Richtung Nufenenpass und das Tessin. Zufrieden und glücklich erreichen wir Obergesteln. Die alten Holzhäuser im Dorfkern unterscheiden sich deutlich vom behäbigen Baustil im Berner Oberland. Wir sind eindeutig in einem anderen Teil der Schweiz. Heute abend lassen wir die Wanderung in Münster – weiter unten im Tal – im historischen Hotel Corix d or et post, wo einst Goethe nächtigte, ausklingen. Die 40 fehlenden Kilometer bis Brig sind bereits in Planung.

23.07.2020: 17. Obergesteln/Ulrichen – Niederwald, Distanz 14,6 km, 3,5 Std.

Ausnahmsweise, könnte man fast denken, klappt unser Plan – trotz Corona-Pandemie sogar – und wir starten zu unseren letzten Etappen, durchs Goms nach Brig. Den Rest von Brig nach Bürchen sind wir schon früher, in umgekehrter Richtung (also abwärts) gelaufen. Obwohl schon 2010, bzw 2014 gemacht, stell ich sie ans Ende dieses Berichts.

Als „Basislager“ haben wir das Hotel Walser in Ulrichen gewählt. Von hier starten wir in 3 Etappen entlang des „Rottenwegs“ talwärts Richtung Mittelwallis. Die Matterhorn-Gotthard-Bahn wird uns am Ende jeder Tagesetappe wieder zurück nach Ulrichen bringen. Mit „uns“ meine ich Ursi, mich und Käti, die uns auch dieses Jahr begleitet.

Wir starten heute schon früh – es soll heiss werden und wir möchten die Mittagshitze meiden. So frühstücken wir bereits um sieben und starten kurz vor halb 8 zu unserer 17. Etappe. Die Luft ist klar und die Temperaturen fürs Wandern wie gemacht. Es geht entlang der Rotte, (wie die Rohne hier heisst), praktisch flach talauswärts. Im Rücken thront der Gallenstock, der das Obergoms dominiert – vor uns leuchtet das Weisshorn in der Ferne. Der Weg ist hier breit und wird auch als Veloweg benutzt. Bereits um diese Zeit begegenen uns viele Velofahrer. Familien mit Kindern, Gruppen und Sportskanonen. Ob es andere Jahre auch so viele hat? Gemäss unserem Hotelier – sein Haus ist voll – werde er dieses Jahr total überrannt. Statt auf Male und die Türkei geht es coronabedingt in die Berge. Ich mags der gebeutelten Tourismusbranche gönnen. wenigstens eine kleine Entschädigung für die lange Durststrecke im Frühjahr. Rechter Hand liegt das weite Tal. Leider hat die Schweizer Armee in der Vergangenheit hier FLugplatz an Flugplatz gebaut. Wohl um sie zu verstecken und wohl auch um Bergregionen zu subventionieren. Heute sind diese überfüssig. Die einen werden als Segelflugplatz genutzt, andere als Go-Cart-Pisten und hier, zwischen Ulrichen und Münster zum Teil renaturiert.

Bald liegt Münster – ein wirklich stattliches Walliserdorf – zu unserer Rechten. Münster spielt auch die Hauptrolle im Roman „Walliser Totentanz“, den wir alle letztes Jahr gelesen haben. Ein eindrückliches „Sittegemälde“ aus der Zeit um Marigniano und den Konflikten zwischen den damaligen „Eidgenossen“. Auf der Rückfahrt werden wir das Dorf besichtigen und hoffen die beschreibenen Häuser und Plätze zu finden. Wir kommen zügig voran und erreichen Niederwald bereits nach 3,5 Stunden. In Münster machen wir auf dem Rückweg noch einen Zwischenhalt und besuchen die dortige Kirche. Wir suchen den mehrfach erwähnten Altar aus dem „Totentanz“. Im üppig ausgestatteten Gotteshaus gibt es davon aber mehrere – alle mit Gold überzogen, kitschig und morbid – und wir sind unschlüssig, welcher davon es nun sein könnte. Auch egal – katholisch ist katholisch und wird mit immer fremd bleiben.

24.07.2020: 18. Niederwald – Grengiols, Distanz 15,5 km, 4,25 Std

Nach der flachen Etappe gestern, starten wir heute bei unsicherem Wetter zur 2ten Etappe durchs Goms. Schon um 8 Uhr hängen die Wolken über Niederwald tief und über dem Taleinschnitt bei Fiesch/Ernen – hängt eine dunkle Wolkenwand. Wir starten trotzdem. Es geht erst mal nach Ernen – dem Musikdorf, wo im Sommer jeweils viel Kulturprominenz anzutreffen ist. Selbst Donna Leon, die berühmte Krimiautorin aus Venedig, soll hier Lesungen und Workshops geben.

Aber erst geht es noch trockenen Fusses entlang der Rottu und dann immer mehr bergauf. Das Tal wird hier merklich enger und die Landschaft rauher. Die gegenüberliegende Talseite rückt näher. Die Gondelbahn hinauf nach Bellwald ist zum greifen nah. Tief unten ist das hässlich Parkhaus der Talstation auszumachen. Wir wandern über Wiesen und durch lichte Wälder hoch über dem Taleinschnitt. Bald erreichen wir den ersten Weiler – Steinhaus – von Ernen. Ein intaktes Walliserdörfchen, wo gerade viele Häuser renoviert werden. Ruhig gelegen, weit abseites von Bergbahnen und Strassen ein Ort wo man zu sich selber findet. Kaum 2 Kilometer weiter Mühlebach – ein weiteres Bijou im Walserstil. Hier überspannt eine Hängebrücke das die tiefe Schlucht, durch welche sich hier die Rottu zwängt. Wir lassen sie aber rechts liegen und steigen etwas aufwärts direkt Richtung Ernen. Die Wolken sind nun bedrohlich dunkel und wir befürchten, Meteo Schweiz behält mit ihrer Prognose Recht. Eingangs Dorf ist es dann auch so weit – wir spüren die ersten Tropfen. Trotzdem lassen wir es uns nicht nehmen das schöne Dorf zu bestaunen – selbst die Barockkirche, in welcher jeweils die Konzerte der Musikwochen stattfinden, beehren wir mit einem Besuch. Auch diese ist mit Gold bestückt und hinterlässt bei mir einen morbiden Eindruck. Einzig die Aussicht ins Tal ist von hier wirklich einmalig. Fiesch liegt Ernen quasi zu Füssen. Vor dem nächsten Teilstück stärken wir uns noch in einer Beiz. Denn ab hier geht es erst mal bergauf über eine Anhöhe, entlang der Strasse nach Binn. Nun regnet es in Strömen und wir montieren unsere Pellerinen. Zum Glück ist der Verkehr hier überschaubar und wir kommen zügig vorwärts. Nach einer halben Stunde stehen wir auf einer Anhöhe. Von hier geht die Autostrasse weiter ins Binntal und wir steigen hinunter in die Schlucht der Binna. Diese gräbt sich hier, vom Ofenhorn herkommend tief in die Grantifelsen, bevor sie sich bei Fiesch in die Rotte ergiesst.

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